Once upon a time – keine Grenze kennen

Mit dreizehn habe ich meinen ersten Vollrausch.
Im Bonner Loch, so heißt das Areal um die U-Bahn vor dem HBF, haben wir alle zusammen gelegt; 2 Flaschen Vodka und eine Tüte Orangensaft gekauft.
Becher haben wir nicht, also muss der Vodka halb geleert werden.
Von Alkoholika in der Prozentordnung habe ich keine Ahnung.
Ich setze die erste Flasche an und nicht mehr ab, bevor sie nicht halb leer ist. Die Menge an Flüssigkeit ist nicht das Problem und der Alkohol in der kurzen Zeit (erst mal) auch nicht.
Mit der zweiten Flasche verfahre ich genau so.
Kann man doch nicht wegschütten! War schließlich teuer genug (Welch ein Schwachsinn!)
Somit habe ich in 5-10 Minuten quasi eine Flasche Vodka getrunken.
Seltsamerweise fühle ich mich noch gut…(?)

Das ändert sich, als ich mich erhebe, um auf die öffentliche Toilette zu gehen. Die ersten Meter merke ich immer noch nichts-
doch dann registriere ich, dass ich auf dem Boden liege.
Scheinbar ist gerade eine U-Bahn angekommen, ich sehe nur noch Beine und Füße, die um mich herum laufen und scheinbar nichts um mich geben.

Dann werde ich gepackt.
Auto und Bosse schleppen mich zur Toilette, meinen ich soll zusehen, dass ich das Zeug wieder aus dem Leib bekomme.
Auto (Papa Punk) war noch nicht da, als ich mir das Zeug in den Rachen geschüttet habe. Er schimpft mit mir.

Was völlig surreal ist: Ich bekomme alles voll mit. Ich kann mich nur nicht wirklich bewegen. Das will nicht gelingen.

Auf der Toilette angekommen, bugsiert Auto mich in eine der Kabinen und befiehlt:“Los, raus mit dem Zeug!“

Ich schließe ab, stecke mir den Finger in den Hals.
Ich höre gar nicht mehr auf, mich zu übergeben.
Langsam wird mir komisch, alles dreht sich. Scheinbar ist doch schon einiges in die Blutbahn geraten, jedenfalls fühle ich mich jetzt ziemlich betrunken.
Und, viel schlimmer, ich erinnere mich nicht, wie die verdammte Klotür aufgeht.
Mir kann auch niemand zu Hilfe kommen, weil die Kabine oben vergittert ist.
Toll!
Also erteilt man mir Anweisungen von draußen und nach einer halben Ewigkeit bekomme ich es hin.
Wieder werde ich gepackt.
Boar, ist das kalt am Kopf!
Sie haben meinen Schädel unter den Wasserhahn gesteckt.
Eiswasser flutet über meinen Skalp.
Mit irgendwas rubbeln sie mich ab. Es wird alles immer nebulöser. Und trotzdem bekomme ich alles mit.

Dann kommt Veronika, mit ihrer Theaterschminke. Ein riesen Puderpinsel, mit totenbleichem Puder kommt auf mein Gesicht zu.
Ich frage, lallend, ob ich nicht schon blass genug wäre.

Irgendwann hält man mich wohl für hergerichtet genug, wir gehen (ich wanke eher)zurück zum Brunnen, auf dem ich mich erst mal ablege.
Einschlafe.
Bis ich merke, dass einer an meiner Brust rumgrabscht. Ich gebe wohl irgendwelche Töne von mir, denn Auto ist plötzlich da und geht mit dem Typ nicht gerade sanft um.
Danach kommt er und flößt mir Hagebuttentee ein; damals gibt es im Bonner Loch noch einen Teeladen, wo er ihn besorgt hat.
Ich friere und zittere am ganzen Körper.

Die Zivilstreife kommt wie üblich vorbei. Keine Ahnung, wie die anderen es hin bekommen, dass die mich nicht mit nehmen. Doch ich bleibe.

Nachher, so wird mir Tage später erzählt, gehe ich noch dazwischen, als irgendein Exknacki einen meiner „Familie“ zwischen hat und schlage im, laut Aussage, wohl schön was auf die Zwölf.

Man wäre sehr überrascht gewesen, von meiner Treffsicherheit und überhaupt hätte man zwei Stunden später gar nicht mehr so arg gemerkt, dass ich vorher noch so hilflos war. Das wäre schon seltsam gewesen, meinten die Erzähler.

Verkehrte Welt. Erst bekomme ich alles mit, kann mich aber nicht korordinieren und zwei Stunden später kann ich mich koordinieren, aber an nichts mehr erinnern.

Außerdem kann ich wohl sagen, dass ich an diesem Tag mehr Glück, als Verstand hatte.

Und, dass mein Verstand noch so wunderbar funktioniert, grenzt ein wenig an ein Wunder.
Denn, das sollte nicht der letzte Rausch gewesen sein.

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