Erwachen

Etwas surrt in meinem Traum. Ich kann es nicht zuordnen. Unwillig hebe ich die Lider. Der Wecker, der Störenfried. Ich gebe ihm eins auf den Schalter, Ruhe. In meinem Solarplexus ist schwer was los.  Unruhe, diagnostiziere ich zunächst. Bis ich erkenne: Das ist Wut. Hä?! Woher?
Während ich darüber nachdenke, welche Garderobe ich heute tragen will, wird das Gefühl stärker. Ich sehe das rote Kleid an. Ich habe einer Seminar Teilnehmerin zugesagt, es heute anzuziehen, als sie meinte, ich könne etwas Farbe vertragen. Die Länge von dem Stück sagt mir jedoch nicht zu. Ah, jetzt kommt was durch die Synapsen geschwirrt. Gedanken. >>So hast Du es häufig gemacht, richtig? Dich der Meinung anderer angepasst, oder Dinge zugesagt, um ein bisschen Liebe und Anerkennung zu erhaschen. Stimmt’s? Oh ja, sogar vor kurzem noch. Hast Dich in einen Vertrieb einschreiben lassen, weil Du mit dem Vertriebsleiter vögelst und der Dich ja vielleicht nicht mehr toll findet, Dich nicht mehr vögeln will, wenn Du nicht mit machst. Wenn Du keine Pracht Vertrieblerin bist. << Da stehe ich, lausche meinen Gedanken und weiß, es ist alles wahr. Die Entscheidung fällt gegen das rote Kleid. Stattdessen wird es das kurze Schwarze, mit einer roten Strumpfhose. Schluss damit, sich in Rollen zu pressen, die nicht meine sind. Ich stampfe wütend mit dem Fuß auf. Beim Duschen, stelle ich mir vor, wie all der alte Knares durch den Abfluss verschwindet. Und mir wird bewusst, dass ich aus großem Mangel gehandelt habe, oder besser, die Person, die ich war. Gedanklich nehme ich mein inneres Kind in die Arme und schenke ihm eine große Portion Liebe. Es hat sie verdient. Und es verdient noch mehr.

Geschichten, die wir erzählen. Hier die meine…

Dann denkst Du daran, wie oft sie das getan hat; erst Jungs, später Männer, die sich für Dich interessierten wild anzugraben. Auch, wenn Du schon mit ihnen zusammen warst. Du erinnerst Dich, wie sie immer so lasziv auf dem Barhocker saß, mit diesem Blick, und sie umgarnte, um irgendwann wieder mit Deinem Auserwählten abzuziehen.
Und dann erinnerst Du Dich, wie Du sie, nach 15 Jahren ohne jeglichen Kontakt, in der Einrichtung für Schwerstpflegefälle besucht hast, und ihr all das verziehen hast; weil sie dort wegen ihres Alkoholkonsums im Wachkoma liegt und ihre Hirnrinde beschädigt, sprich, von ihr nichts mehr übrig ist.
Dann fallen Dir auf einmal auch die guten Dinge wieder ein. Die nichts mit Jungs und Männern zu tun hatten. Sondern mit Pech und Schwefel. Und, Zusammenhalt.