Trotz allem

Ich bin aus dem Lot.
Während ich eine Mail an meine Frengländerin schreibe, breche ich in Tränen aus. Das Haus habe ich auch noch nicht verlassen. Hänge in einer Dauerschleife. Grübeln. Immer noch aufschieben, was eigentlich angegangen werden müsste. Müsste. Ich bin so froh, wenn ich diese Müsstegeschichten, die mir Vater Staat auf’s Auge drückt, von den Hacken hab.
Da, in diesem Moment heule ich schon wieder. Die Endorphine von Samstag sind aufgebraucht. Ich fühle mich einsam. Soooo alleine.
Einfach aushalten. Was soll ich auch anderes tun. Ich kann ja nicht weg von mir. Ich könnte meine beste Freundin sein, sollte ich sogar. Doch ich knicke immer wieder ein.
Und keiner kann mir helfen. Das kann nur ich allein. Egal, was man mir an tröstlichen Worten sagt, es hilft nicht. Oder nur kurz. Wie eine Schmerztablette. An die Ursache muss ich ran.
Wie kann man nur so labil sein. Verdammt!!!!!!
Sind es schon zwei Wochen? Nein, eine. Rein zeitlich gesehen, habe ich noch nur ein Tief. Ab zwei Wochen spricht man von einer Depression. Heule ich jetzt tatsächlich schon eine Woche?
Wo ist die Zeit hin?
Mensch Silvia, reiß Dich zusammen. Wo ist mein Buch über kognitive Verhaltenstherapie?

Heiter bis wolkig

Oder anders herum.
Irgendwie bricht sich alles Bahn. Mich nervt einfach alles. Alles ist mir zu viel. Das erste mal muss ich heute Morgen Druck ablassen. Nach den Dialysefahrten will ich Brötchen holen. Vorm Edeka, im Taxi sitzend, öffnen sich die Schleusen. Wieder mal heulen. „Was denn jetzt“ , denkt es in mir. Ich wünsche mir so sehr Entspannung und Erleichterung. Würde am liebsten einfach alles hinter mir lassen.
Während ich das so denke, erinnere ich mich, wie es ist, erleichtert und entspannt zu sein.
Das zeigt Wirkung. Sogar meine Nackenmuskulatur wird locker. Super!
Mit dicken Augen gehe ich Brötchen holen. Mir doch egal, was die denken.

Mittags geht’s in die Waldau. Ich will laufen. Schon auf dem Weg dort hin, geht’s schon wieder los. Auf dem Parkplatz lass ich wieder laufen. Simse mit der Dame; sie ist beim Imkerkurs, bietet an nachher vorbei zu kommen, mit einer großen Tüte Empathie. Allein das Wissen, eine so gute Freundin zu haben, tut gut.
Ich weine noch ein wenig vor mich hin. Dann erinnere ich mich an meine Metta Meditation App (ihr dürft lachen, aber die ist echt gut). Die Kontemplation für heute:

Möge ich erkennen, wie sich alles entwickelt, egal, ob ich das Gefühl der Kontrolle über die Situation habe oder nicht.

Als ich das lese, muss ich laut lachen. Das trifft den Nagel ja so ziemlich auf den Kopf.
Mit diesem Satz im Kopf, laufe ich schließlich los.
Ich laufe so locker, wie ewig nicht; der Puls ist so niedrig wie lange nicht; ich laufe weiter, als die letzten Wochen und als ich wieder Richtung Parkplatz komme, bricht die Sonne durch die Wolken um helle Kleckse auf den Waldboden zu streuen.

Jetzt fühle ich mich wieder leicht. Und es geht sogar ein Stück in Richtung Glück.
Die Sonne malt halt auch helle Flecken auf meine Seele. 🙂

Sinus Kurve

Es geht auf und ab. Beim Aufstehen geht’s mir gut. Ich meditiere, frühstücke, mein Spiegelbild gefällt mir.
Gegen halb acht kippt es.
Ich packe meinen Kram zusammen, merke, die Leichtigkeit verzieht sich. Ich fahre zum Arzt, habe mich doch zum Aderlass entschlossen.
Danach zur Bank, das Geld für die Arbeit am Rechner und die neuen Komponenten holen.
Zurück im Taxi: Tränen.
Ich hab keine Ahnung, weshalb genau.
Da ist der teil, der weiß: Annehmen, zulassen und zuhören ist die beste Strategie, weil wegdrücken es nur schlimmer macht.
Auf der anderen Seite, der Teil, der froh ist, aus diesem finsteren Loch gekrochen zu sein und befürchtet, dass das wieder so bleiben könnte, wenn man ich es zulasse.
Und zu all jenen gesellt sich natürlich die Geschäftsfrau, die sagt: Du kannst Dich jetzt nicht hängen lassen, Du musst Geld verdienen.
Dagegen noch ein anderer Teil, der fragt (leicht zynisch): Was für Geld? Hast du das Sommerloch noch nicht bemerkt?
Doch verdammt, habe ich. Und, das macht es nicht wirklich besser!

Dann frage ich mich, was ich überhaupt will.
Bis auf die Schilddrüse bin ich gesund, von den zwischenzeitlichen Tiefs mal abgesehen (die vielleicht damit zusammen hängen).
Ich hab Arbeit (wenn sie auch momentan nicht viel einbringt).
Ich lebe in einem Land, in dem ich ohne Raketenbeschuss auf die Straße gehen kann, in dem sauberes(!) Wasser aus dem Hahn kommt.
Ich habe ein Dach über dem Kopf, einen liebenden Ehemann und und und.

Was ist denn nicht erfüllt?
Gut, zu wissen, dass das irgendwann wieder vorbei ist.

Ich freue mich darauf, zu berichten, wenn es wieder besser geht.

Zuversichtlich,
Silvia

Tschüss Tief…

mach’s gut.
Der Abend in der L’Osteria hat’s gebügelt. Zwar ging es mir schon besser, nachdem ich die Überweisungen und das Kassenbuch erledigt hatte, doch ein Rest Wolken zierten noch meinen seelischen Himmel.

Wir haben einen Tisch mit Aussicht auf den Rhein.
Wir nehmen Pizza. Hochkant könnte man sie als Rad an einen römischen Streitwagen schrauben. So groß ist sie.
Und lecker ist sie obendrein. Letztlich geht es mir sogar so gut, dass ich mir zu Pizza, doppeltem Espresso und Mineralwasser, noch einen Grappa gönne.
Denn es gilt: Alkohol nur, wenn es mir gut geht. Nicht zum dämpfen.

Nach Hause gekommen, will ich den eben erst reparierten Rechner hochfahren.
Bevor wir zum Essen los sind, habe ich noch ein Programm erstanden, das die Treiber checkt und aktualisieren soll, weil seit der Reparatur der Drucker nicht mehr funktioniert.
Keine Ahnung, ob es daran liegt, jedenfalls fährt das Teil nicht hoch und piepst nur noch lustig vor sich hin.
Will ich mich da wirklich drüber aufregen?
Meine Daten sind alle safe, hatte ich sie doch vor der Reparatur noch auf eine externe Festplatte geschoben.
Wie es scheint, keinen Tag zu früh.

Mit Verlaub (oder Salva Venia), der Rechner kann mich mal.

Ich packe jetzt meinen Koffer, gehe schlafen und fliege morgen fröhlich nach London. Und wenn ich einen neuen Rechner brauchen sollte, ist es eben so.

Amen.

Euch allen einen schönen Abend und eine erholsame Nacht.

Schönen, Guten Tag…

Du doofes Tief.
Ja, wenn man ein Tief hat, soll man hinhören. Hinschauen.
Zwischen Überweisungen und Kassenbuch habe ich es versucht. Und geweint. Weshalb weiß ich immer noch nicht.
Aber, die Überweisungen sind erledigt.
Ebenso wie das ungeliebte Kassenbuch.
Einen Tag vor London eine solche Stimmung. Doof. Eigentlich sollte ich freudig erregt sein.

Naja, es ist noch etwas Zeit bis Makrisa nach Hause kommt. Der werde ich nutzen, um in mich zu gehen. Mal sehen was ich finde.
Draußen geht gerade ein Gewitter los. Das passt.

Und doch habe ich, trotzig, wie ich bin, einen Tisch für Zwei bestellt. In der L’Osteria, Oberkassel. Direkt am Rhein.
Vielleicht wirkt ja ein nettes Abendessen, mit dem Gemahl gegen mein Tief.

Und wenn nicht, habe ich wenigstens lecker gespeist.