Wertschätzung – oder Analyse einer (Beinahe)Eskalation

Noch nicht erzählt:
Sonntag schon merke ich, dass ich genervt bin. Ich kann aber keine Verbindung zu mir herstellen, was mich noch mehr nervt (natürlich kommt das erst bei der Analyse raus), weil ich nicht herausfinde, was das Bedürfnis dahinter ist. Irgendwo herrscht ein Mangel in mir.

Das wird auch nicht dadurch besser, dass ich sehr häufig beginne etwas zu erzählen, um dann von meinen Begleiterinnen unterbrochen zu werden. Zwischendurch frage ich mich, ob sie das nicht merken. Doch sage ich auch nichts.
Falscher Weg; es baut sich noch weiter auf, als ich feststelle, dass ich Anita nicht, wie vorher groß angekündigt, an der Brücke das erste Mal unterstützen kann.
Ich murre und motze, zetere wie ein Rohrspatz (Ventil).

Die Kriegerin fährt mir nicht minder unwirrsch in die Kandare, ich soll jetzt mit dem aggressiven Scheiß aufhören etc.
Wasser auf meine Mühlen.
Ich stelle gerade fest, und kommuniziere das auch, ein Bedürfnis sei es zuverlässig zu sein. Ich würde mir ein wenig Verständnis wünschen.
Interessiert die Kriegerin nicht, die selbst aggressiv reagiert.

Unsere Räder sind mit unser beider Schlösser angeschlossen, mein Wunsch mit meinem Rad die eine Station zurückzulegen, wird nicht gehört. Es baut sich weiter auf, auch wenn ich jetzt nichts mehr sage. Hört eh keiner zu.
Schade. Könnte ich mich auf der Fahrt alleine doch etwas runterfahren.

Stattdessen folge ich in die Bahn, weil mein Rad ja, wie gesagt, für mich nicht greifbar ist.
Ich bin sauer. Auf mich, und auf die Kriegerin.

Zwar legt es sich etwas, doch das Genervtsein bleibt, und der Ärger kocht immer wieder mal hoch. Ich wäre ihn gerne los, das ist wohl der Fehler.
Ich sollte ihn annehmen, anschauen und sehen, was dahinter steckt. Geht aber nicht.

Später, an Kilometer 40,5 bekomme ich es hin, mich in eine positive Stimmung zu bringen. Jedoch muss ich da ganz bewusst auf mich einwirken.
Ich sage mir, dass ich positiv sein will, wenn Anita kommt. Weil ich Ihr ganz viel positive Energie mitgeben will, auf den letzten 2 Kilometern. Ich verbinde mich einfach mit ihr, auch, um sie nicht zu verpassen. Das funktioniert.
Solange bis ich sie wieder verlasse.

Ich spüre, für mich ist die Sache nicht gegessen, bevor der Deckel drauf ist. Und sei es nur, indem ich mein Bedauern über mein Genervtsein ausdrücke. Denn das tue ich wirklich. Ich bedaure es, so mosrig gewesen zu sein. Ich kann mich in solchen Momenten ja selbst nicht ausstehen.

Als wir später an unseren Rädern stehen, setze ich an, mein Bedauern zu formulieren – und wieder darf ich nicht aussprechen. Stattdessen tut die Kriegerin kund, sie hätte mich am liebsten stehen lassen.
Dass hätte sie das ja tun können, sage ich ihr (vorausgesetzt sie hätte vorher mein Rad aufgeschlossen, wie ich es ja gerne gemacht hätte). Meiner Meinung nach hätte es bestimmt zur Deeskalation beigetragen.

Im Moment des Bedauerns wieder so überfahren zu werden, finde ich unschön.
Den ganzen Tag, ständig unterbrochen zu werden, selbst im Moment einer Entschuldigung, ist sehr unbefriedigend.
Weil die Achtsamkeit und die Wertschätzung fehlt.

Für mich war dieser Tag ein Lehrstück. Ich weiß jetzt, dass ich mehr darauf achten möchte, meinem Gegenüber diese Achtsamkeit und Wertschätzung entgegen zu bringen, die auch mir so wichtig ist.
Bisher, habe auch ich die Menschen häufig unterbrochen.
Obwohl ich eine sehr aufmerksame Zuhörerin bin.
Werde ich eben noch aufmerksamer.

Eins noch:
Inzwischen weiß ich, ich kam schon im Mangel an Wertschätzung am Bahnhof Bonn an.
Morgens hätte ich viel lieber, meine Entrümpelung fortgesetzt; doch weil ich Anita versprochen hatte, jubeln zu kommen, habe ich mich dagegen und damit gegen meine Bedürfnisse, in diesem Fall: mich selbst wertschätzen, entschieden.
In Zukunft möchte mehr auf meine Bedürfnisse achten.

Bis ich eben darauf kam, verspürte ich immer noch Unzufriedenheit.
Jetzt ist Ruhe im Karton, ich vergebe mir selbst und verbinde mich mit meinem intrinsischen Wert. Meinem Selbstwert.

Amen.

Gewachsen

Mir ist wieder etwas bewusst geworden, die letzten zwei Tage. Ich bin gewachsen. Oder besser, mein intrinsischer Wert ist gewachsen. Anders, mein Bewusstsein dafür. Das ist wirklich mal eine schöne Einsicht.

Gestern habe ich einen Anruf getätigt, den ich vor einem Jahr noch nicht getätigt hätte. Ich hätte es deswegen nicht getan, weil ich Angst gehabt hätte, mich zu blamieren, obwohl es um sehr viel ging.
Damals hätte ich gedacht: Die nehmen mich kleines Würstchen doch eh nicht ernst, lass jemand wichtiges anrufen.

Auf so einen Gedanken bin ich gestern nicht gekommen und das hat mir gezeigt, wie weit ich seit dem Termin in der Moulagen Ausstellung der Uni Klinik Bonn gekommen bin.
Die Ausstellung ist unter Verschluss, müsst Ihr wissen. Ich habe damals von einem Bekannten davon erfahren und musste im Vorzimmer des Dekans, der Dermatologie vorsprechen, um sie mir bei Gelegenheit ansehen zu dürfen.
Damals kam ich mir noch so wertlos vor, dass ich dachte ich müsste im Erdboden versinken, als ich das Büro betrat. Ein Gefühl, als wäre ich zum Rektor beordert worden, um mir einen abzuholen, nicht um etwas zu fragen, was mich brennend interessiert.

Ich durfte sie mir dann tatsächlich ansehen, aber auch hier fühlte ich mich minderwertig, unter all den Akademikerinnen/Akademikern. Als hätte ich ein Etikett am Kopf, wo drauf steht: Hauptschule, deshalb minderwertig.
Heute würde ich da anders reingehen.
Weil ich weiß, meinen Wert kann keiner bemessen. Ich bin ebenso viel Wert, wie jeder andere. Einfach, weil ich ein Mensch bin und jeder Mensch diesen inneren Wert hat. Punkt.
Die Kunst ist, sich dieses Wertes auch bewusst zu sein.
Und dieses Bewusstsein, in diesem Fall mein Selbstwertgefühl, ist in der Zeit, seit der Ausstellung, gewachsen.

Wie sehr es aber wirklich gewachsen ist, habe ich erst gestern Abend gemerkt:

Da ist jemand ziemlich wütend auf Menschen, die ihm ins Handwerk gepfuscht haben. Auch auf mich. Das hätte mich früher stark getroffen.
Es ist mir jetzt nicht egal, aber, das ist ganz wichtig: Ich nehme es nicht mehr persönlich.
Ich freu mich, dass dieser jemand sich noch ärgern kann.

Ich weiß, ich bin jetzt in der Lage, für mich einzustehen, ohne mich minderwertig zu fühlen, sondern als vollwertigen Teil der Gesellschaft.

Die andere Sache, ist, dass ich es immer öfter schaffe, meine starken Aspekte zu aktivieren, wenn ich sie brauche.
Ich kann mir immer häufiger selbst Halt und Trost geben, muss mich nicht mehr auf andere Leute stützen, wie auf Krücken.
Ich kann weitestgehend alleine gehen.
Und wenn ich doch mal Hilfe brauche, weiß ich, wo ich sie bekomme und hole sie mir.

Das ist ein großartiges Gefühl. Ich genieße das jetzt, denn jeder, der mal Depressionen hatte, weiß: Koste es voll aus, es kommen auch noch mal Tage, da musst Du von der Erinnerung zehren.

In diesem Sinne, Euch allen einen wunderschönen Tag. Im Garten, in der Luft, im Büro, in der Küche und wo man sonst so seinen Tag verbringt.

LG Silvia