Frei sein

Ich muss mich einer *gebrauchten Wahrheit bedienen, um auf den Punkt zu kommen:
Sauna. Es ist voll. Augenscheinlich kein Platz mehr frei. Auf einer der Bänke liegt lang ausgestreckt eine Frau. Die Kriegerin möchte dem Aufguss gerne beiwohnen, fragt, ob die Langgestreckte Platz machen könne, was diese verneint(!). Die Kriegerin hat sogleich Wut im Bauch. Einige der anwesenden Herren retten die Situation indem sie zusammen rücken, um Platz für die aufgebrachte Kriegerin zu schaffen. So erzählt sie es mir. Und seither hat die Langgestreckte einen schlechten Stand bei ihr.
Mit ihrem Mann unterhalten wir uns immer sehr nett. Ich empfinde ihn als besonders achtsam. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass die Langgestreckte so abscheulich sein soll, was nicht heißt, dass ich der Kriegerin keinen Glauben schenke. Nur die Aussage, das sei eine unmögliche Person, möchte ich selbst überprüfen, beobachte ich doch häufig, wie liebevoll und achtsam, die Langgestreckte und ihr Gatte miteinander umgehen.
Ein weiterer Tag in der Sauna. Es hat zwei Tage vorher geschneit. Die Kriegerin ist nicht zugegen, aber besagte Dame. Nach dem Aufguss betreten wir zeitgleich die Dachterrasse. Ich grüße mit einem Lächeln, beides wird erwidert. Sie erzählt einer anderen Saunagängerin, dass sie den Schnee auf der Dachterrasse so schön gefunden habe. Ich werfe ein, dass es mir gleich erging, als ich nach dem Aufguss barfuß durch den Schnee lief. Darauf schildert sie, wie erfrischend es sei, sich nach dem Aufguss mit Schnee abzureiben, was ich zu einer prima Idee erkläre.
Vorbei das Geplänkel.
Ich wende mich dem Blick über mein schönes Bonn zu, um zwei Minuten später überrascht zu werden: Die Langgestreckte spricht mich an,vier Schneebälle in der Hand. Zwei davon drückt sie mir in die Hand. „Hier, hast Du auch zwei zum abreiben.“ Ich bedanke und freue mich, werde ein weiteres Mal bestätigt. Bild Dir Deine eigene Meinung!
Schon, als die Kriegerin mir die Geschichte erzählte, mir der ich eröffnete, dachte ich: Welch starke und freie Persönlichkeit muss jemand sein, einfach „nein“ zu sagen, wenn man ihn bittet Platz zu machen, ungeachtet der Konsequenz, dann als Zicke oder unmögliche Person abgestempelt zu werden.
Mag sein, dass ich auch wütend gewesen wäre, hätte man mir den Platz verweigert. Aber so unabhängig von der Meinung anderer zu sein, finde ich beachtlich.
Ich habe nicht den Eindruck einer unmöglichen Person. Davon mal abgesehen, dass eine Bitte immer die Freiheit impliziert, abgelehnt zu werden. Sonst wäre es keine Bitte mehr, sondern ein Befehl. Gelle?

*gebrauchte Wahrheit ~ Höhrensagen

Gewachsen

Mir ist wieder etwas bewusst geworden, die letzten zwei Tage. Ich bin gewachsen. Oder besser, mein intrinsischer Wert ist gewachsen. Anders, mein Bewusstsein dafür. Das ist wirklich mal eine schöne Einsicht.

Gestern habe ich einen Anruf getätigt, den ich vor einem Jahr noch nicht getätigt hätte. Ich hätte es deswegen nicht getan, weil ich Angst gehabt hätte, mich zu blamieren, obwohl es um sehr viel ging.
Damals hätte ich gedacht: Die nehmen mich kleines Würstchen doch eh nicht ernst, lass jemand wichtiges anrufen.

Auf so einen Gedanken bin ich gestern nicht gekommen und das hat mir gezeigt, wie weit ich seit dem Termin in der Moulagen Ausstellung der Uni Klinik Bonn gekommen bin.
Die Ausstellung ist unter Verschluss, müsst Ihr wissen. Ich habe damals von einem Bekannten davon erfahren und musste im Vorzimmer des Dekans, der Dermatologie vorsprechen, um sie mir bei Gelegenheit ansehen zu dürfen.
Damals kam ich mir noch so wertlos vor, dass ich dachte ich müsste im Erdboden versinken, als ich das Büro betrat. Ein Gefühl, als wäre ich zum Rektor beordert worden, um mir einen abzuholen, nicht um etwas zu fragen, was mich brennend interessiert.

Ich durfte sie mir dann tatsächlich ansehen, aber auch hier fühlte ich mich minderwertig, unter all den Akademikerinnen/Akademikern. Als hätte ich ein Etikett am Kopf, wo drauf steht: Hauptschule, deshalb minderwertig.
Heute würde ich da anders reingehen.
Weil ich weiß, meinen Wert kann keiner bemessen. Ich bin ebenso viel Wert, wie jeder andere. Einfach, weil ich ein Mensch bin und jeder Mensch diesen inneren Wert hat. Punkt.
Die Kunst ist, sich dieses Wertes auch bewusst zu sein.
Und dieses Bewusstsein, in diesem Fall mein Selbstwertgefühl, ist in der Zeit, seit der Ausstellung, gewachsen.

Wie sehr es aber wirklich gewachsen ist, habe ich erst gestern Abend gemerkt:

Da ist jemand ziemlich wütend auf Menschen, die ihm ins Handwerk gepfuscht haben. Auch auf mich. Das hätte mich früher stark getroffen.
Es ist mir jetzt nicht egal, aber, das ist ganz wichtig: Ich nehme es nicht mehr persönlich.
Ich freu mich, dass dieser jemand sich noch ärgern kann.

Ich weiß, ich bin jetzt in der Lage, für mich einzustehen, ohne mich minderwertig zu fühlen, sondern als vollwertigen Teil der Gesellschaft.

Die andere Sache, ist, dass ich es immer öfter schaffe, meine starken Aspekte zu aktivieren, wenn ich sie brauche.
Ich kann mir immer häufiger selbst Halt und Trost geben, muss mich nicht mehr auf andere Leute stützen, wie auf Krücken.
Ich kann weitestgehend alleine gehen.
Und wenn ich doch mal Hilfe brauche, weiß ich, wo ich sie bekomme und hole sie mir.

Das ist ein großartiges Gefühl. Ich genieße das jetzt, denn jeder, der mal Depressionen hatte, weiß: Koste es voll aus, es kommen auch noch mal Tage, da musst Du von der Erinnerung zehren.

In diesem Sinne, Euch allen einen wunderschönen Tag. Im Garten, in der Luft, im Büro, in der Küche und wo man sonst so seinen Tag verbringt.

LG Silvia