Once upon a time – Lili Marleen auf Fehmarn

2009. Fehmarn.
Wir sind auf dem Campingplatz „Am Deich“ im Norden der Insel untergekommen. In der Gegend um den Campingplatz ist nicht viel los. Die einzige fußläufige „Ausgehmöglichkeit“ ist die Kneipe vorne am Campingplatz. Hier treffen täglich Touris und alte Fehmaraner aufeinander.
Wir sitzen fast jeden Abend hier. Quasi Inventar. Einer der alten Fehmaraner ist Alfred, pensionierter Polizist, Sänger im Chanty Chor und ebenfalls Bewohner eines mobilen Eigenheims. Er ist groß, fast zwei Meter und trägt ein gewaltiges Feinkostgewölbe mit sich spazieren. Klangkörper, mit großem Herz, auf zwei Beinen, dem Jubi nicht abgeneigt, wie auch das rote Gesicht verrät. Ich lass mir in der Beziehung nicht die Butter vom Brot nehmen und ziehe kräftig mit.
Die Stimmung ist heiter, so singen wir. Seemannslieder wie: Wir lagen vor Madagaskar und andere.
Irgendwann stimme ich Lili Marleen an, wenig textsicher. Der Gesang gefällt Alfred, die textunsicherheit weniger. In der Kneipe gibt es ein Liederbuch. Das drückt er mir in die Hand. „Hier das übst du jetzt. Morgen gibt’s bei mir Rollbraten vom Grill. Dann trägst du es vor. Drei Strophen mindestens. Die schmetterst Du vom Deich. Zur Belohnung bekommst Du was vom Braten.“ Ich lasse mich ein. Den ganzen Abend und den darauffolgenden Tag schleppe ich das Buch mit mir herum und singe Lili Marleen. Am Nachmittag des Rollbratenessens ist auch der Herr Gemahl textsicher, so oft hat er’s gehört.
Am Abend bewaffne ich mich mit einer Handlaterne (auf dem Deich steht ja keine) und begebe mich auf meine „Deichbühne“, oberhalb von Alfred’s Stellplatz. Alle Blicke auf mich gerichtet.
In der einen Hand die Laterne haltend, schmettere ich los, gegen den Wind, Richtung Alfred. Als ich fertig bin steht er strahlend mit feuchten Augen da und winkt mich zum Rollbratenessen. „Mädchen, den hast Du Dir redlich verdient“, meint er.
Musik die Zeitmaschine. Diese Geschichte werde ich nie vergessen.

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Once upon a time – oder, Telefonat mit einem Unbekannten

1986. Frühsommer.
Ich bin 13 Jahre alt, als Jutta und ich abends bei mir zu Hause, in der elterlichen Wohnung sitzen.
Meine Eltern sind, wie fast immer, nicht zu Hause und wir langweilen uns ein wenig.
Das Wetter ist nicht so geeignet für außer Haus Aktionen.

Jutta erzählt von einem Typen, den sie kennengelernt hat. Marco
Das führt dazu, dass wir uns entschließen, ihn einfach mal anzurufen. Er ist schon sechzehn, oha!
Für uns, in unserem Alter, sind das schon die Reiferen (witzig, wie sich das später mal relativiert).
Für die Unternehmung muss ich nur das Telefonschloss knacken, welches meine Frau Mutter auf der Wählscheibe platziert hat.
Wenn sie wüsste, wie nutzlos das Ding ist.

Wir wählen, hängen beide kichernd am Hörer, als Marco abnimmt. Bei ihm ist auch keiner daheim und er hat einige Kumpels da; kleiner Umtrunk (wie erwachsen das klingt…)
Jutta erzählt eine Weile mit ihm, bis sie mir den Hörer reicht. Ich quatsche eine Weile mit diesem Marco, alles belangloser Kram.
Man kennt sich ja nicht. Irgendwann Übergibt er wiederum den Hörer an seinen Kumpel, Achim.
Mit ihm hab ich richtig Spaß. Wir lachen uns halb tot am Telefon. Er hat eine wirklich nette Stimme.
Wir haben den gleichen Humor und fangen an unsere Beisitzer zu veräppeln. Mich schüttelt eine Lachsalve nach der anderen.
Manchmal kringele ich mich geradezu, so heftig lache ich.
Ich mag den Typ, ohne ihn gesehen zu haben.
Jutta spricht dann und wann mit einem Marcel, wenn einer von uns, also Achim oder ich, mal auf’s Klo muss.
Lange Rede, kurzer Sinn:
Wir verabreden uns für den nächsten Tag, an der Schule in Duisdorf. Einer der Jungs hat schon ein Auto, das bietet sich an.

Am nächsten Tag:
Wie bestellt, strahlt die Sonne, als die drei, Ulf, Marcel und Achim (Marco hat keine Zeit), auf den Schulhof rollen.
Sie steigen aus, kommen auf uns zu. Gleich zu Anfang fröhliches Raten, wer wer ist.
Das geht schnell, weil ich Achim sofort an seiner Stimme erkenne.
Der Kerl sieht hinreißend aus. In meinem Leben habe ich noch nie so blaue Augen gesehen.
Sie leuchten wie Sterne.
In meiner Blutbahn, in meinem Magen geht irgendwas vor sich, das ich bisher nicht kenne.
Schmetterlinge überall in mir drin.

Wir verbringen hier den ganzen Nachmittag mit Musik hören, quatschen und klar, Lachen. Ich bekomme Bauchschmerzen, so viel lache ich.
Wir verabreden uns für den nächsten Tag.
Diesmal bei Achim zu Hause.
Wir sind mit dem Bus locker zwei Stunden unterwegs, weil das am anderen Ende der Welt zu liegen scheint. Auf jeden Fall auf der anderen Rheinseite und noch ein ganzes Stück weiter.

Erst mal ein Video: POLTERGEIST.
Dann rüber, in Achim’s Zimmer, was trinken, Musik hören, erzählen.
Irgendwann passiert, was wohl vorherbestimmt war:
Ulf verzieht sich.
Marcel, Jutta, Achim und ich bleiben alleine, hören Musik.
Achim und ich kommen uns näher, näher und noch näher.
Als wir uns das erste  mal küssen, bin ich froh, dass ich sitze, weil bestimmt meine Beine nachgeben würden. Mensch, ist mir heiß.
Ab jetzt tun wir außer Lachen noch was anderes: Knutschen.
Irgendwann wird es Zeit für die Heimfahrt.
Ich bin im siebten Himmel. Während der gesamten Fahrt nach Hause grinse ich selig vor mich hin.
Genauso, die folgenden drei Wochen.
Schwebezustand.

Dann ruft Marcel (!) an. Achim habe eine Andere. Er mache Schluss.
Es klirrt kurz, dann schaue ich auf den Boden. Da liegt es. In Scherben. Mein kleines gebrochenes Herz.
Ich leide sehr, sehr lange.
Und ganz ehrlich, die erste große Liebe vergisst man nie!