Once upon an time – Der Anruf

Tinchen ruft mich an.
Ingo liegt im Koma.
Er hatte immer eine große Affinität zum Alkohol. Wer von uns nicht?
Doch ist Ingo Diabetiker. Ich hab ihn gefragt ob das nicht problematisch sei, was er immer verneint. In dieser Nacht hat er sich völlig abgeschossen. Ich weiß nicht wie, doch sein Zucker steht wohl bei 1000(!).
Meines Wissens muss man aufpassen, bei Alkohol nicht zu unterzuckern, also muss ja gründlich was schief gelaufen sein.
Ich bin besorgt, um den groben Kerl, mit der sanften Seite. Täglich telefoniere ich mit Tinchen, die mir mitteilt, dass er auf jeden Fall geistige und körperliche Schäden zurück behalten wird.
Die Nieren sind hin. Dialyse.
Ich spüre die Tränen, die mir über das Gesicht laufen.
Auch jetzt wieder, wohl auch, weil ich es nie über’s Herz gebracht habe, ihn in der Einrichtung für Schwerstpflegefälle, in Mechernich zu besuchen.
Die gleiche Einrichtung, in der gut 20 Jahre später, meine wachkomatöse Freundin Jutta untergebracht wird. Auch durch Alkohol.

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Once upon a time – Portapotti

Von Ingo berichtete ich schon.
Irgendwann bürgert es sich ein, dass ich ihn in seiner Behausung, im Westerwald besuche, um mit ihm stundenlang Backgammon zu spielen.
Ich war schon nun schon einige Male hier, musste nur scheinbar nie auf’s Klo.
Nun wird man sich fragen, was daran schon besonders sein soll.

Dazu muss man wissen, Ingo wohnt nicht irgendwie.
Er bewohnt einen ausrangierten Zirkus Wagen, der auf einem Grundstück von Tinchen’s Vermieter steht.
Es ist echt gemütlich.
Kohleofen, Gasherd, Bett, ein kleiner Tisch, zwei Sessel nebst persönliche Dinge von Ingo, wie z. B.die Kutte der „Familie“, der er mal angehörte, die an der Wand hängt.
Viele Kerzen und natürlich Rocky, sein Hund und Kumpel. Und auch meiner. Der Hund liebt mich.
Immer wenn ich beim Backgammon spielen im Sessel sitze, liegt sein riesiger Schädel auf meinem Schoß und er lässt sich brummend hinter den Ohren kraulen.
Ingo meint, wenn ich da bin, ist er abgeschrieben.

Aber zurück, zu besagtem Abend.
Ich äußere, mich erleichtern zu müssen.
„Klar, draußen in der Scheune, kannst es nicht verfehlen.“
Also raus, das Scheunentor aufgezogen, fange ich an zu lachen.
Es fehlt nur noch ein Spot, der einen Lichtkegel auf das Campingklo wirft, welches, völlig verloren, mitten in der riesigen Scheune steht, flankiert von einer Rolle Klopapier und einer Klobürste.
Was für ein Stilleben!
Definitiv ist das das größte Toilettenhäuschen, das ich je gesehen habe.
Kein Kanalanschluss, kein fließendes Wasser.
Das ist die wohl einfachste Lösung.
Beim nahe gelegenen Campingplatz geht er es immer entsorgen, erzählt er mir später.
Ich bewundere seinen Pragmatismus.

Once upon a time – lange Messer

Zarte  17.
Die meiste Zeit verbringe ich bei Tinchen ( ich habe sie bei den Punks kennengelernt) , in Oberkassel (Bonn, nicht Düsseldorf). Sie hat hier eine kleine Wohnung, wohnt hier mit ihren beiden Katzen, Gundula und Daisy; und ihrem Freund Marc.
Das hier ist eine Hofgemeinschaft. Vorne im Haus lebt der Vermieter. Im nächsten Haus oben, wie beschrieben Tinchen, unten im EG ihr „Papi“. Ich nenn ihn auch Papi. Gegenüber wohnt ihr Bruder Rainer, ich schlafe hie und da mal mit ihm, doch das ist nichts festes. Rainer hat Rocky in seiner Obhut. Das ist der Schäferhund-Rottweiler Mix, des Bruders, Ingo. Er sitzt zur Zeit. Drogen oder so.
Die meiste Zeit sitzen wir bei Sonne und Bier im Hof; spielen Doppelkopf.

Kleiner Zeitsprung:
Silvester, Ingo ist raus und besucht die Familie. Zwischenzeitlich habe ich seinen Bruder auf die lange Narbe auf seinem Bauch angesprochen, weiß also, dass sie von Ingo’s Messer stammt. Not Op, die Leber war getroffen.
Und trotzdem empfinde ich keinerlei Angst vor Ingo. Er ist schon relativ alt (in meinen Augen damals, 36.). Blaue Augen, ein wenig verlebtes Gesicht.

Als es dunkel ist, knallt es oben in der Wohnung von Tinchen. Rainer, Ingo und ich sehen uns fragend, da kommt Tinchen die Treppe runter. Marc habe sie schlagen wollen (es ist natürlich Alkohol im Spiel), da habe sie ihm eine Flasche Bier übergezogen.
Jetzt wage sie sich nicht mehr hinauf, meint er habe auch ein Messer. Oha!

Ich meine, dass es besser sei, wenn er sich etwas abkühlen könne. Ok, wir sitzen, trinken weiter; warten.
Ingo und ich unterhalten uns sehr angeregt. Irgendwie hat der Typ was. Vielleicht ist es seine Unberechenbarkeit, von der mir so oft erzählt wurde.

Plötzlich steht Marc im Hof, fängt wieder Zank mit Tinchen an. Er hat tatsächlich ein Messer und fuchtelt damit rum. Nun erhebt sich Ingo und der gnadenlose Rocker, als der er mir beschrieben wurde, kehrt sich nach außen.
Wildes Gerangel im Hof und Richtung Treppe.
Auf der Treppe stürzt Marc, Ingo entwindet ihm das (beachtliche) Messer, beugt sich über Marc, drückt ihm das Messer an den Hals. Ich springe auf, wie Rainer auch, stehe dabei, weiß nicht, was tun, höre mich rufen: „Ingo, mach das nicht, der hat genug Schiss jetzt! Das ist es nicht wert!“
„Keiner bedroht meine Familie“, zischt er, packt Marc am Schlawitchen und bugsiert ihn zur Straße; er möge sich verpissen.

Ich bin geschockt und fasziniert zugleich.

Nachdem der Störenfried in seine Schranken und des Grundstücks verwiesen ist, beruhigt sich alles relativ schnell. Nun wird weiter gefeiert.

Gegen 2 Uhr in der Nacht, bricht Ingo auf. Ich bringe ihn zum Gartentor, das von innen geschlossen werden muss.
Eh ich’s mich versehe, packt er mich. Küsst mich. Und er küsst gut. So viel Zärtlichkeit hatte ich von ihm und gerade nach dem Gesehenen wirklich nicht erwartet.
„Pass auf Dich auf“, meint er, zwinkert mir zu und lässt mich verwirrt zurück.
Ich spüre seinen Kuss noch Stunden später. Es soll der einzige Kuss bleiben, den Ingo mir jemals gibt, obwohl wir uns noch öfter sehen werden.

Was für ein Typ!