Heulen

Das Training heute ist genau richtig für den Wiedereinstieg. Grundlagen Ausdauer II, sprich Pulsfrequenz bis 70% und halten. Doch irgendwie bin ich unmotiviert. Etwas ist nicht „richtig“. Nachher Dampfbad, ich finde keine Ruhe. Auch nicht, als ich alleine bei 95 Grad in der Holzsauna schwitze. Nach zehn Minuten muss ich raus. Kein Sitzfleisch. Ich geh raus auf die Terrasse. Und endlich kristallisiert sich etwas raus.
Erst geht es los. Die Kontemplation der letzten Tage, die ich hier noch nicht erwähnt hatte, steigt am geistigen Horizont auf: Möge ich die Dinge sehen, wie sie sind und nicht so, wie ich denke, sie haben zu müssen.
Die wiederaufgenommene Morgengymnastik, die ebenfalls einer Meditation gleicht, spielt bestimmt auch mit rein.

Erst kommt mir Mr. Freeze in den Sinn. Ich erinnere mich, ihm mal geschrieben zu haben, dass ich froh sein könne, mit meiner Aufmerksamkeitssuche und und all dem Kokolores der sonst noch anfiel, an ihn geraten zu sein, weil er glücklicherweise ein Mann mit Anstand sei und das nicht ausnutzen täte, was er auch wirklich nie getan hat. Er war unerreichbar, distanziert und vieles andere, was dafür gesorgt hat, dass ich nicht von ihm lassen konnte. Tat ja so schön weh, sich an ihm wund zu scheuern. ABER: Er hat nie einen Vorteil daraus gezogen. Es auch nicht versucht. Ich weiß noch, dass ich damals auch schrieb, ich sei in meinem Zustand ein prima Opfer für irre Sektenführer (mir war also durchaus bewusst, wie es um mich stand).
Das alles geht mir durch den Sinn, als ich da so auf der Dachterrasse sitze und vor mich hin dampfe. Bis die ersten Tränen kullern und die Wölfe in mir sich regen. Ihre Stunde ist gekommen und ich halte sie nicht zurück.
Ich stelle fest, einen adäquaten Ersatz für Mr.Freeze gefunden zu haben. Es ist mir fast peinlich, das hier hin zu schreiben. Doch es ist die Wahrheit. Was soll ich sie nicht hinschreiben? Was heulen die Wölfe denn so?
„Na, Silvia. Haste ja nicht lange gebraucht um Dir ein neues Werkzeug zur Selbstgeißelung zuzulegen. Prima! Und Du hast die Übergänge fast nahtlos hinbekommen. Toll! Und spannst Dich auch schön mit ein. Du und Dein Korkengefasel.“
Hört man die Häme?
Ich fahr zum Einkaufen, wandere durch den Laden, die Wölfe geben keine Ruhe. Ich merke, ich werde zorniger. Das ist gut so. Wenigstens für den Moment. In diesem Augenblick bin ich ganz bei mir, wenn auch selbstzerfleischend, aber bei mir. Wie kann man genau das gleiche Muster einfach wiederholen? Das ist völlig bescheuert! Habe ich denn rein gar nichts gelernt? Mit Verlaub, ich würde mir gerade gerne selbst in die Fresse schlagen. Mich an den Schultern packen und schütteln, bis mir die Flausen nur so aus den Ohren fliegen.
Dieses war der erste Teil. Jetzt setze ich mich auf mein Kissen und schau mal, was da los ist. Ich glaub, jetzt klappt’s mit der Empathie. Die Wölfe geben Ruhe.
Was mir dazu noch eingefallen ist: Deshalb ist mir auch das Kind auf Lanzarote so aufgefallen. Man erkennt seine Leidensgenossen.
Wie war das mit der Nähe zum Elternhaus. Ich bin meinem Sumpf wohl auch immer noch nicht entstiegen. Oder wieder zurück gefallen.
Wenigstens merke ich es früher, als vorher. Die echte Arbeit kommt aber erst jetzt. Puh! Wo ist mein Kissen?
Langsam langweilt es mich, dauernd an der gleichen Baustelle arbeiten zu müssen.