Aufmerksam – Open Table

Es gibt ein Reserviersystem im Netz – Open Table
Eines meiner Lieblingslokale, das Meyer’s Speis und Trank in Bonn Poppelsdorf, kann man so buchen.
Ich wähle einen Tisch für eine Person, nämlich für mich. Zwei Minuten später ein Anruf. Das Meyer’s fragt an, ob es richtig sei, dass ich einen Tisch für nur eine Person reserviert habe. „Ja, das ist richtig.“ Man habe nur sicher gehen wollen.
Der Laden ist nicht nur schön eingerichtet und besticht durch sein gutes Essen, er glänzt auch mit Aufmerksamkeit.

Heulen

Das Training heute ist genau richtig für den Wiedereinstieg. Grundlagen Ausdauer II, sprich Pulsfrequenz bis 70% und halten. Doch irgendwie bin ich unmotiviert. Etwas ist nicht „richtig“. Nachher Dampfbad, ich finde keine Ruhe. Auch nicht, als ich alleine bei 95 Grad in der Holzsauna schwitze. Nach zehn Minuten muss ich raus. Kein Sitzfleisch. Ich geh raus auf die Terrasse. Und endlich kristallisiert sich etwas raus.
Erst geht es los. Die Kontemplation der letzten Tage, die ich hier noch nicht erwähnt hatte, steigt am geistigen Horizont auf: Möge ich die Dinge sehen, wie sie sind und nicht so, wie ich denke, sie haben zu müssen.
Die wiederaufgenommene Morgengymnastik, die ebenfalls einer Meditation gleicht, spielt bestimmt auch mit rein.

Erst kommt mir Mr. Freeze in den Sinn. Ich erinnere mich, ihm mal geschrieben zu haben, dass ich froh sein könne, mit meiner Aufmerksamkeitssuche und und all dem Kokolores der sonst noch anfiel, an ihn geraten zu sein, weil er glücklicherweise ein Mann mit Anstand sei und das nicht ausnutzen täte, was er auch wirklich nie getan hat. Er war unerreichbar, distanziert und vieles andere, was dafür gesorgt hat, dass ich nicht von ihm lassen konnte. Tat ja so schön weh, sich an ihm wund zu scheuern. ABER: Er hat nie einen Vorteil daraus gezogen. Es auch nicht versucht. Ich weiß noch, dass ich damals auch schrieb, ich sei in meinem Zustand ein prima Opfer für irre Sektenführer (mir war also durchaus bewusst, wie es um mich stand).
Das alles geht mir durch den Sinn, als ich da so auf der Dachterrasse sitze und vor mich hin dampfe. Bis die ersten Tränen kullern und die Wölfe in mir sich regen. Ihre Stunde ist gekommen und ich halte sie nicht zurück.
Ich stelle fest, einen adäquaten Ersatz für Mr.Freeze gefunden zu haben. Es ist mir fast peinlich, das hier hin zu schreiben. Doch es ist die Wahrheit. Was soll ich sie nicht hinschreiben? Was heulen die Wölfe denn so?
„Na, Silvia. Haste ja nicht lange gebraucht um Dir ein neues Werkzeug zur Selbstgeißelung zuzulegen. Prima! Und Du hast die Übergänge fast nahtlos hinbekommen. Toll! Und spannst Dich auch schön mit ein. Du und Dein Korkengefasel.“
Hört man die Häme?
Ich fahr zum Einkaufen, wandere durch den Laden, die Wölfe geben keine Ruhe. Ich merke, ich werde zorniger. Das ist gut so. Wenigstens für den Moment. In diesem Augenblick bin ich ganz bei mir, wenn auch selbstzerfleischend, aber bei mir. Wie kann man genau das gleiche Muster einfach wiederholen? Das ist völlig bescheuert! Habe ich denn rein gar nichts gelernt? Mit Verlaub, ich würde mir gerade gerne selbst in die Fresse schlagen. Mich an den Schultern packen und schütteln, bis mir die Flausen nur so aus den Ohren fliegen.
Dieses war der erste Teil. Jetzt setze ich mich auf mein Kissen und schau mal, was da los ist. Ich glaub, jetzt klappt’s mit der Empathie. Die Wölfe geben Ruhe.
Was mir dazu noch eingefallen ist: Deshalb ist mir auch das Kind auf Lanzarote so aufgefallen. Man erkennt seine Leidensgenossen.
Wie war das mit der Nähe zum Elternhaus. Ich bin meinem Sumpf wohl auch immer noch nicht entstiegen. Oder wieder zurück gefallen.
Wenigstens merke ich es früher, als vorher. Die echte Arbeit kommt aber erst jetzt. Puh! Wo ist mein Kissen?
Langsam langweilt es mich, dauernd an der gleichen Baustelle arbeiten zu müssen.

Wertschätzung – oder Analyse einer (Beinahe)Eskalation

Noch nicht erzählt:
Sonntag schon merke ich, dass ich genervt bin. Ich kann aber keine Verbindung zu mir herstellen, was mich noch mehr nervt (natürlich kommt das erst bei der Analyse raus), weil ich nicht herausfinde, was das Bedürfnis dahinter ist. Irgendwo herrscht ein Mangel in mir.

Das wird auch nicht dadurch besser, dass ich sehr häufig beginne etwas zu erzählen, um dann von meinen Begleiterinnen unterbrochen zu werden. Zwischendurch frage ich mich, ob sie das nicht merken. Doch sage ich auch nichts.
Falscher Weg; es baut sich noch weiter auf, als ich feststelle, dass ich Anita nicht, wie vorher groß angekündigt, an der Brücke das erste Mal unterstützen kann.
Ich murre und motze, zetere wie ein Rohrspatz (Ventil).

Die Kriegerin fährt mir nicht minder unwirrsch in die Kandare, ich soll jetzt mit dem aggressiven Scheiß aufhören etc.
Wasser auf meine Mühlen.
Ich stelle gerade fest, und kommuniziere das auch, ein Bedürfnis sei es zuverlässig zu sein. Ich würde mir ein wenig Verständnis wünschen.
Interessiert die Kriegerin nicht, die selbst aggressiv reagiert.

Unsere Räder sind mit unser beider Schlösser angeschlossen, mein Wunsch mit meinem Rad die eine Station zurückzulegen, wird nicht gehört. Es baut sich weiter auf, auch wenn ich jetzt nichts mehr sage. Hört eh keiner zu.
Schade. Könnte ich mich auf der Fahrt alleine doch etwas runterfahren.

Stattdessen folge ich in die Bahn, weil mein Rad ja, wie gesagt, für mich nicht greifbar ist.
Ich bin sauer. Auf mich, und auf die Kriegerin.

Zwar legt es sich etwas, doch das Genervtsein bleibt, und der Ärger kocht immer wieder mal hoch. Ich wäre ihn gerne los, das ist wohl der Fehler.
Ich sollte ihn annehmen, anschauen und sehen, was dahinter steckt. Geht aber nicht.

Später, an Kilometer 40,5 bekomme ich es hin, mich in eine positive Stimmung zu bringen. Jedoch muss ich da ganz bewusst auf mich einwirken.
Ich sage mir, dass ich positiv sein will, wenn Anita kommt. Weil ich Ihr ganz viel positive Energie mitgeben will, auf den letzten 2 Kilometern. Ich verbinde mich einfach mit ihr, auch, um sie nicht zu verpassen. Das funktioniert.
Solange bis ich sie wieder verlasse.

Ich spüre, für mich ist die Sache nicht gegessen, bevor der Deckel drauf ist. Und sei es nur, indem ich mein Bedauern über mein Genervtsein ausdrücke. Denn das tue ich wirklich. Ich bedaure es, so mosrig gewesen zu sein. Ich kann mich in solchen Momenten ja selbst nicht ausstehen.

Als wir später an unseren Rädern stehen, setze ich an, mein Bedauern zu formulieren – und wieder darf ich nicht aussprechen. Stattdessen tut die Kriegerin kund, sie hätte mich am liebsten stehen lassen.
Dass hätte sie das ja tun können, sage ich ihr (vorausgesetzt sie hätte vorher mein Rad aufgeschlossen, wie ich es ja gerne gemacht hätte). Meiner Meinung nach hätte es bestimmt zur Deeskalation beigetragen.

Im Moment des Bedauerns wieder so überfahren zu werden, finde ich unschön.
Den ganzen Tag, ständig unterbrochen zu werden, selbst im Moment einer Entschuldigung, ist sehr unbefriedigend.
Weil die Achtsamkeit und die Wertschätzung fehlt.

Für mich war dieser Tag ein Lehrstück. Ich weiß jetzt, dass ich mehr darauf achten möchte, meinem Gegenüber diese Achtsamkeit und Wertschätzung entgegen zu bringen, die auch mir so wichtig ist.
Bisher, habe auch ich die Menschen häufig unterbrochen.
Obwohl ich eine sehr aufmerksame Zuhörerin bin.
Werde ich eben noch aufmerksamer.

Eins noch:
Inzwischen weiß ich, ich kam schon im Mangel an Wertschätzung am Bahnhof Bonn an.
Morgens hätte ich viel lieber, meine Entrümpelung fortgesetzt; doch weil ich Anita versprochen hatte, jubeln zu kommen, habe ich mich dagegen und damit gegen meine Bedürfnisse, in diesem Fall: mich selbst wertschätzen, entschieden.
In Zukunft möchte mehr auf meine Bedürfnisse achten.

Bis ich eben darauf kam, verspürte ich immer noch Unzufriedenheit.
Jetzt ist Ruhe im Karton, ich vergebe mir selbst und verbinde mich mit meinem intrinsischen Wert. Meinem Selbstwert.

Amen.