Once upon a time – Paps, Du fehlst

08. Oktober 2004, 5.00 Uhr.
Ich liege seit 5 Minuten wach, als das Festnetz klingelt.
Mir wird schwummrig im Magen, wie immer, wenn um ungewöhnliche Uhrzeiten das Telefon klingelt.
Seit mein Vater dem Tod von der Schippe gesprungen ist, habe ich diesen Trigger.
Diesmal kein Fehlalarm. Es geht ihm nicht gut, meint mein alter Herr. Ich bin sofort unter Strom. Anziehen, ins Auto und die 3 Kilometer nach Duisdorf fahren, alles automatisch. Ich bekomme es kaum mit.
Er sitzt im Wohnzimmer, grau im Gesicht, klagt über Luftnot, lässt sich aber nicht nehmen, mir noch zu sagen, wer heute alles zur Dialyse muss.
Ich schreibe mit, weil ich weiß, das beruhigt ihn.
Dann sagt er:
„Mädchen, ich glaub‘ jetzt ist’s Zeit für den Krankenwagen.“
Ich telefoniere.
Minuten später kommt der RTW in den Hof gefahren. Ich sitze neben meinem alten Herrn, habe den Arm um seine Schultern gelegt.
Er sackt weg. Die Sanis nehmen ihn in Empfang, legen ihn auf dem Boden ab. Fast gleichzeitig trifft der Notarzt ein.
Der Fahrer des Notarztwagens: Ein Kollege meines Vaters, der Hauptberuflich bei der Feuerwehr ist.
Während sich Notarzt und Sanis um meinen Vater kümmern, bringt er Makrisa und mich in die Küche. Ich weine, ahne, diesmal wird es nicht gut ausgehen. Wir sollen hier in der Küche warten.
Wir warten, während ich im Wohnzimmer den Defibrilator höre. Immer und immer wieder.
Meine Tränen werden mehr.
Der Notarztfahrer kommt in die Küche, hockt sich vor mich, sagt mir, dass sie ihn ins Petrus- Krankenhaus bringen wollen, ich mir jedoch keine allzu großen Hoffnungen machen und in einer halben Stunde nachkommen soll. Es sähe nicht gut aus.
Wir fahren ins Petrus, sitzen noch nicht lange auf dem Gang, als ich einen Priester in die Intensivstation eilen sehe. Ich ahne, für wen er kommt.

Eine halbe Stunde später kommt ein Arzt hinaus. Mein alter Herr habe es überstanden, ob ich ihn noch mal sehen wolle.
Makrisa will mich davon abhalten, doch ich will ihn noch mal sehen.

Wir kommen in das Zimmer. Da liegt er. Apparaturen und Kabel, alles ist entfernt.
Nur eine leere Hülle. Da wohnt keiner mehr, geht es mir durch den Kopf. Ich weine immer noch.

„Wenn ich mal kapott bin, bräng mich zum Kratze Will.“ Was soviel heißt wie, „wenn ich mal tot bin, geh zum Bestatter Willi Kratz.“

Ja, so war er. Immer ganz schön kaltschnäuzig, auch dem Tod gegenüber. Ich solle ihn platzsparend unterbringen, meinte er immer.

Ich sehe Makrisa an. „Wir fahren jetzt zum Kratze Will“, sage ich. „Was, jezt direkt?“ „Klar jetzt, oder meinste, ich kann meinen Vater hier einlagern.“

Jetzt, wo ich das schreibe, merke ich, wie sehr das nach dem „alten Baum“, meinem Vater klingt.

Wir fahren zum Bestatter, es ist noch sehr früh. Ich klingele, die Tür geht auf und vor mir steht ein alter, schlanker, großer Mann.

„Sind sie der Kratze Will?“ Er zieht die Augenbrauen hoch:“Ja, und sie sind…?“ Ich bin die Tochter vom Baum’s Häns und er hat gesagt, wenn er kapott ist, soll ich zu ihnen kommen.“

Weiter komme ich nicht, muss wieder weinen. Der große, Graue nimmt mich noch in der Tür in den Arm.
„Komm rein, Mädchen.“

Das Beste, was der Alte mir raten konnte. Dieser Bestatter ist Gold wert.
Kegelbrüder waren sie früher, als sie noch jung waren. Mein Vater hat ihm oft beim Leichen waschen geholfen.
Und, es war ein illustrer Kegelclub. Mein Vater, Droschkenkutscher, ein Kinderarzt, der Bestatter und ein Zuhälter, neben anderen komischen Vögeln.
Alleine bei der Erzählung muss ich unweigerlich grinsen. Das passt zu meinem alten Haudegen.

Dann kommt die Anekdote von der Kegeltour nach Koblenz, bei der es ein Bett zu wenig gab. „Da haben wir Deinen Vater ins Kinderbett gesteckt, der war doch so klein.“

Jetzt lache ich laut. Ich kann gar nicht anders. Ich weine und lache. Ich weiß, hier bin ich gut aufgehoben. Das hast Du gewusst, ALter Mann

All das kommt mir heute Morgen in den Sinn, als ich den Erbschein und die Sterbeurkunde für den Steuerprüfer raussuche und mir das Datum des heutigen Tages bewusst wird.

10 Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Sehr oft habe ich diesen Tag vergessen. Heute haut es mich um. Die Erinnerungen sind so intensiv, dass ich das Krankenhaus riechen kann.

Und ich wünschte, ich könnte ihm heute erzählen, dass das mit dem Finanzamt besser gelaufen ist, als befürchtet.

Und ich höre ihn sagen:
„Ach Mädchen, das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Du mässt dat schon.“

Stimmt Paps. Ich hab’s gepackt. Und Trotzdem fehlst Du mir. Alter Knötterpott.

Papa Ein Nachruf

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Schlappenerinnerungen – oder, eine Ode an das Hexen(-Schuh)werk

Hach, ich wollte sie so gern haben, aus schwarzem, wilden Leder fein,
Doch bevor sie zu mir kamen, sollten’s erst mal Jutta’s sein.

Vom halben Stiefel ich hier sprech, zum schnüren und ganz spitz sie waren.
Ich wollte sie so gern, zu meinen Punker Outfit tragen.

Die Sohle flach, aus blankem Leder und ein Absatz flach und klein.
Irgendwann, weiß nicht wieso, sollten’s endlich meine sein.

Von nun an war’n wir unzertrennlich, ich und meine Hexenschuh.
Ward jemand frech, er spürte sie im A… im nu.

Jahre sind sie mit mir durchwandert;
haben viel Freud, viel Leid gesehen.

War’n sie verletzt, zögerte ich nicht,
sofort zum Schuhdoktor zu gehen.

Oft nähte er die tiefen Wunden,
hat auch manchmal Haut verpflanzt.

Doch eines Tages war’n gezählt die Stunden.
So, wurden sie zur letzten Runde,
an des Zimmers Wand gestanzt.

Es gab danach wahrlich nie wieder ein Paar Schuhe, die ich so geliebt habe, sofern man Schuhe überhaupt lieben kann.
(Wobei, die in London erworbenen sind den Alten gar nicht unähnlich und haben meine Füße seither auch nicht mehr verlassen; außer im Bett, versteht sich.)

Once upon a time – keine Grenze kennen

Mit dreizehn habe ich meinen ersten Vollrausch.
Im Bonner Loch, so heißt das Areal um die U-Bahn vor dem HBF, haben wir alle zusammen gelegt; 2 Flaschen Vodka und eine Tüte Orangensaft gekauft.
Becher haben wir nicht, also muss der Vodka halb geleert werden.
Von Alkoholika in der Prozentordnung habe ich keine Ahnung.
Ich setze die erste Flasche an und nicht mehr ab, bevor sie nicht halb leer ist. Die Menge an Flüssigkeit ist nicht das Problem und der Alkohol in der kurzen Zeit (erst mal) auch nicht.
Mit der zweiten Flasche verfahre ich genau so.
Kann man doch nicht wegschütten! War schließlich teuer genug (Welch ein Schwachsinn!)
Somit habe ich in 5-10 Minuten quasi eine Flasche Vodka getrunken.
Seltsamerweise fühle ich mich noch gut…(?)

Das ändert sich, als ich mich erhebe, um auf die öffentliche Toilette zu gehen. Die ersten Meter merke ich immer noch nichts-
doch dann registriere ich, dass ich auf dem Boden liege.
Scheinbar ist gerade eine U-Bahn angekommen, ich sehe nur noch Beine und Füße, die um mich herum laufen und scheinbar nichts um mich geben.

Dann werde ich gepackt.
Auto und Bosse schleppen mich zur Toilette, meinen ich soll zusehen, dass ich das Zeug wieder aus dem Leib bekomme.
Auto (Papa Punk) war noch nicht da, als ich mir das Zeug in den Rachen geschüttet habe. Er schimpft mit mir.

Was völlig surreal ist: Ich bekomme alles voll mit. Ich kann mich nur nicht wirklich bewegen. Das will nicht gelingen.

Auf der Toilette angekommen, bugsiert Auto mich in eine der Kabinen und befiehlt:“Los, raus mit dem Zeug!“

Ich schließe ab, stecke mir den Finger in den Hals.
Ich höre gar nicht mehr auf, mich zu übergeben.
Langsam wird mir komisch, alles dreht sich. Scheinbar ist doch schon einiges in die Blutbahn geraten, jedenfalls fühle ich mich jetzt ziemlich betrunken.
Und, viel schlimmer, ich erinnere mich nicht, wie die verdammte Klotür aufgeht.
Mir kann auch niemand zu Hilfe kommen, weil die Kabine oben vergittert ist.
Toll!
Also erteilt man mir Anweisungen von draußen und nach einer halben Ewigkeit bekomme ich es hin.
Wieder werde ich gepackt.
Boar, ist das kalt am Kopf!
Sie haben meinen Schädel unter den Wasserhahn gesteckt.
Eiswasser flutet über meinen Skalp.
Mit irgendwas rubbeln sie mich ab. Es wird alles immer nebulöser. Und trotzdem bekomme ich alles mit.

Dann kommt Veronika, mit ihrer Theaterschminke. Ein riesen Puderpinsel, mit totenbleichem Puder kommt auf mein Gesicht zu.
Ich frage, lallend, ob ich nicht schon blass genug wäre.

Irgendwann hält man mich wohl für hergerichtet genug, wir gehen (ich wanke eher)zurück zum Brunnen, auf dem ich mich erst mal ablege.
Einschlafe.
Bis ich merke, dass einer an meiner Brust rumgrabscht. Ich gebe wohl irgendwelche Töne von mir, denn Auto ist plötzlich da und geht mit dem Typ nicht gerade sanft um.
Danach kommt er und flößt mir Hagebuttentee ein; damals gibt es im Bonner Loch noch einen Teeladen, wo er ihn besorgt hat.
Ich friere und zittere am ganzen Körper.

Die Zivilstreife kommt wie üblich vorbei. Keine Ahnung, wie die anderen es hin bekommen, dass die mich nicht mit nehmen. Doch ich bleibe.

Nachher, so wird mir Tage später erzählt, gehe ich noch dazwischen, als irgendein Exknacki einen meiner „Familie“ zwischen hat und schlage im, laut Aussage, wohl schön was auf die Zwölf.

Man wäre sehr überrascht gewesen, von meiner Treffsicherheit und überhaupt hätte man zwei Stunden später gar nicht mehr so arg gemerkt, dass ich vorher noch so hilflos war. Das wäre schon seltsam gewesen, meinten die Erzähler.

Verkehrte Welt. Erst bekomme ich alles mit, kann mich aber nicht korordinieren und zwei Stunden später kann ich mich koordinieren, aber an nichts mehr erinnern.

Außerdem kann ich wohl sagen, dass ich an diesem Tag mehr Glück, als Verstand hatte.

Und, dass mein Verstand noch so wunderbar funktioniert, grenzt ein wenig an ein Wunder.
Denn, das sollte nicht der letzte Rausch gewesen sein.

Once upon an time – Der Anruf

Tinchen ruft mich an.
Ingo liegt im Koma.
Er hatte immer eine große Affinität zum Alkohol. Wer von uns nicht?
Doch ist Ingo Diabetiker. Ich hab ihn gefragt ob das nicht problematisch sei, was er immer verneint. In dieser Nacht hat er sich völlig abgeschossen. Ich weiß nicht wie, doch sein Zucker steht wohl bei 1000(!).
Meines Wissens muss man aufpassen, bei Alkohol nicht zu unterzuckern, also muss ja gründlich was schief gelaufen sein.
Ich bin besorgt, um den groben Kerl, mit der sanften Seite. Täglich telefoniere ich mit Tinchen, die mir mitteilt, dass er auf jeden Fall geistige und körperliche Schäden zurück behalten wird.
Die Nieren sind hin. Dialyse.
Ich spüre die Tränen, die mir über das Gesicht laufen.
Auch jetzt wieder, wohl auch, weil ich es nie über’s Herz gebracht habe, ihn in der Einrichtung für Schwerstpflegefälle, in Mechernich zu besuchen.
Die gleiche Einrichtung, in der gut 20 Jahre später, meine wachkomatöse Freundin Jutta untergebracht wird. Auch durch Alkohol.

Once upon a time – Portapotti

Von Ingo berichtete ich schon.
Irgendwann bürgert es sich ein, dass ich ihn in seiner Behausung, im Westerwald besuche, um mit ihm stundenlang Backgammon zu spielen.
Ich war schon nun schon einige Male hier, musste nur scheinbar nie auf’s Klo.
Nun wird man sich fragen, was daran schon besonders sein soll.

Dazu muss man wissen, Ingo wohnt nicht irgendwie.
Er bewohnt einen ausrangierten Zirkus Wagen, der auf einem Grundstück von Tinchen’s Vermieter steht.
Es ist echt gemütlich.
Kohleofen, Gasherd, Bett, ein kleiner Tisch, zwei Sessel nebst persönliche Dinge von Ingo, wie z. B.die Kutte der „Familie“, der er mal angehörte, die an der Wand hängt.
Viele Kerzen und natürlich Rocky, sein Hund und Kumpel. Und auch meiner. Der Hund liebt mich.
Immer wenn ich beim Backgammon spielen im Sessel sitze, liegt sein riesiger Schädel auf meinem Schoß und er lässt sich brummend hinter den Ohren kraulen.
Ingo meint, wenn ich da bin, ist er abgeschrieben.

Aber zurück, zu besagtem Abend.
Ich äußere, mich erleichtern zu müssen.
„Klar, draußen in der Scheune, kannst es nicht verfehlen.“
Also raus, das Scheunentor aufgezogen, fange ich an zu lachen.
Es fehlt nur noch ein Spot, der einen Lichtkegel auf das Campingklo wirft, welches, völlig verloren, mitten in der riesigen Scheune steht, flankiert von einer Rolle Klopapier und einer Klobürste.
Was für ein Stilleben!
Definitiv ist das das größte Toilettenhäuschen, das ich je gesehen habe.
Kein Kanalanschluss, kein fließendes Wasser.
Das ist die wohl einfachste Lösung.
Beim nahe gelegenen Campingplatz geht er es immer entsorgen, erzählt er mir später.
Ich bewundere seinen Pragmatismus.

Once upon a time – lange Messer

Zarte  17.
Die meiste Zeit verbringe ich bei Tinchen ( ich habe sie bei den Punks kennengelernt) , in Oberkassel (Bonn, nicht Düsseldorf). Sie hat hier eine kleine Wohnung, wohnt hier mit ihren beiden Katzen, Gundula und Daisy; und ihrem Freund Marc.
Das hier ist eine Hofgemeinschaft. Vorne im Haus lebt der Vermieter. Im nächsten Haus oben, wie beschrieben Tinchen, unten im EG ihr „Papi“. Ich nenn ihn auch Papi. Gegenüber wohnt ihr Bruder Rainer, ich schlafe hie und da mal mit ihm, doch das ist nichts festes. Rainer hat Rocky in seiner Obhut. Das ist der Schäferhund-Rottweiler Mix, des Bruders, Ingo. Er sitzt zur Zeit. Drogen oder so.
Die meiste Zeit sitzen wir bei Sonne und Bier im Hof; spielen Doppelkopf.

Kleiner Zeitsprung:
Silvester, Ingo ist raus und besucht die Familie. Zwischenzeitlich habe ich seinen Bruder auf die lange Narbe auf seinem Bauch angesprochen, weiß also, dass sie von Ingo’s Messer stammt. Not Op, die Leber war getroffen.
Und trotzdem empfinde ich keinerlei Angst vor Ingo. Er ist schon relativ alt (in meinen Augen damals, 36.). Blaue Augen, ein wenig verlebtes Gesicht.

Als es dunkel ist, knallt es oben in der Wohnung von Tinchen. Rainer, Ingo und ich sehen uns fragend, da kommt Tinchen die Treppe runter. Marc habe sie schlagen wollen (es ist natürlich Alkohol im Spiel), da habe sie ihm eine Flasche Bier übergezogen.
Jetzt wage sie sich nicht mehr hinauf, meint er habe auch ein Messer. Oha!

Ich meine, dass es besser sei, wenn er sich etwas abkühlen könne. Ok, wir sitzen, trinken weiter; warten.
Ingo und ich unterhalten uns sehr angeregt. Irgendwie hat der Typ was. Vielleicht ist es seine Unberechenbarkeit, von der mir so oft erzählt wurde.

Plötzlich steht Marc im Hof, fängt wieder Zank mit Tinchen an. Er hat tatsächlich ein Messer und fuchtelt damit rum. Nun erhebt sich Ingo und der gnadenlose Rocker, als der er mir beschrieben wurde, kehrt sich nach außen.
Wildes Gerangel im Hof und Richtung Treppe.
Auf der Treppe stürzt Marc, Ingo entwindet ihm das (beachtliche) Messer, beugt sich über Marc, drückt ihm das Messer an den Hals. Ich springe auf, wie Rainer auch, stehe dabei, weiß nicht, was tun, höre mich rufen: „Ingo, mach das nicht, der hat genug Schiss jetzt! Das ist es nicht wert!“
„Keiner bedroht meine Familie“, zischt er, packt Marc am Schlawitchen und bugsiert ihn zur Straße; er möge sich verpissen.

Ich bin geschockt und fasziniert zugleich.

Nachdem der Störenfried in seine Schranken und des Grundstücks verwiesen ist, beruhigt sich alles relativ schnell. Nun wird weiter gefeiert.

Gegen 2 Uhr in der Nacht, bricht Ingo auf. Ich bringe ihn zum Gartentor, das von innen geschlossen werden muss.
Eh ich’s mich versehe, packt er mich. Küsst mich. Und er küsst gut. So viel Zärtlichkeit hatte ich von ihm und gerade nach dem Gesehenen wirklich nicht erwartet.
„Pass auf Dich auf“, meint er, zwinkert mir zu und lässt mich verwirrt zurück.
Ich spüre seinen Kuss noch Stunden später. Es soll der einzige Kuss bleiben, den Ingo mir jemals gibt, obwohl wir uns noch öfter sehen werden.

Was für ein Typ!

Once upon a time – oder Silvia und Jugend forscht

Ich bin dreizehn, als ich beginne die ersten Drogen zu testen.
In Sachen Beschaffung bin ich also noch nicht erfahren, auch kann ich noch nicht selber Tüten bauen.
Das hat zur Folge, dass ich mir fertig gebaute andrehen lasse und mich wundere, warum der darin enthaltene Tee(!), ich fand es irgendwie heraus, nicht knallt.
Immer mit von der Partie, meine Freundin Jutta.

Als ich bei den Punks aufschlage, lerne ich Auto kennen. Er ist schon 30, für mich also quasi Papa Punk, so wie Schlumpfine ihren Papa Schlumpf hat.
Von da an ruft man mich Hamster, so hat es die Punk Familie entschieden.

Zurück zum Kiffen.
Ich habe noch nie ein Hanfpflanze im Original gesehen, wohl aber Bilder.
Eines schönen Tages, ich bin mit Jutta in der Rheinaue unterwegs, besuchen wir den dort angelegten Japanischen Garten.
Und trauen unseren Augen nicht.
Ein Hanfbusch.
Flux stopfen wir uns Taschen voll. Schluss mit Tee in Tüten!
Wir reisen mit den ÖV zu Jutta, ihre Eltern sind gerade nicht da.
Weil wir nicht warten wollen, trocknen wir die Blätter auf der Herdplatte, was für ordentlich Nebel in der Küche sorgt.

Plötzlich steht die Mutter in der Küche, wir haben sie nicht kommen hören.
Was wir denn da machen würden.
„Na, ein Experiment, für Bio.“
Das glaubt sie uns sogar (ist wohl wieder voll, die Frau).

Ok, runter auf die Wiese. Tüte bauen. Gelehrig wie ich bin, habe ich immer gut zu geschaut in der letzten Zeit. Es wird ein passabeles Gerät.
Anzünden. Bä!!! Scheußlich!!!
Und knallen tut’s auch nicht.

Wir die Plastiktüte mit unserer Ernte gepackt und ab ins Bonner Loch, Auto suchen.

Ich finde ihn und zeige ihm in einer stillen Ecke mein Grünzeug.

„Glückwunsch, meint er. Ist von dem japanischen Ahorn noch was da?“

Oh, Mann!! Grün in der Tüte und hinter den Ohren.

Jugend forscht, Hi hi…

Noch eine Geschichte – Silvia strikes back

Da sind wir. Meine Eltern sind, wie immer, nicht zu Hause. Es ist schon dunkel und wir haben in Nachbar’s Garten Obst geklaut. Wir sitzen in der Küche, unserer Hausmeisterwohnung, im Bürokomplex, in dem wir seit drei Jahren wohnen. Die Wohnung liegt im Souterrain; deshalb bekommt man immer mit, wer draußen vorbei läuft.
Dann hören wir Ihre Stimmen. Sie sind auf dem Weg zu ihrem Treffpunkt, an der Schule, die gegenüber dem letzten Bürogebäude liegt. Sie, das ist die Clique, die mich bewertet und abgekanzelt hat, ohne auch nur jemals ein Wort mit mir gewechselt zu haben . Die mir Abscheulichkeiten hinterher rufen, wenn ich vorbei gehe. Weil ich ja die aus der Stadt bin. Keine Einheimische. Und sie, die Dorf Elite.
Wir sehen uns an. Ein Grinsen auf dem Gesicht. Wir denken das Gleiche. Im nächsten Moment sind wir unterwegs, durch das menschenleere Treppenhaus, des nachts verlassenen Bürogebäudes nach oben. In der letzten Etage angekommen, öffnen wir das Fenster im Flur. Es geht auf einen Balkon.
Praktisch, sind die Häuser doch alle baugleich und durch die Balkone miteinander verbunden. Auf dem letzten Balkon angekommen, bringen wir uns in Position.
Die Schule liegt gegenüber, auf einem Hügel. Dort steht auch die Tischtennis Platte, an der sie sich immer treffen.
Als unsere Augen sich an die Lichtverhältnisse angepasst haben, sehen wir sie.
Wir packen die geraubten Erdbeeren aus; als hätten wir es gewusst, haben wir die fauligen nicht gleich dem Müll überantwortet.
Ich greife mir eine, werfe (ich bin eine echt gute Werferin), höre es klatschen und dann, juhuu(!) einen Fluch. Treffer! Den nächsten triffst Du. Erstaunlich, wie oft wir treffen, während unten die Aufregung groß ist. Sie fragen, wo die „Scheiße“ herkommt. Und, wo die „Arschlöcher“ denn sitzen würden.
Herrlich!
Bei der letzten Erdbeere dreht sich jemand in meine Richtung, so, dass ich schnell abtauchen muss. Dabei hau ich mir den Kopf an einem Waschbeton Kübel. Das tut verdammt weh. Aber, ich bin so erfüllt von Genugtuung, dass mir das ziemlich wurscht ist.
Leise in uns hinein kichernd liegen wir auf dem Balkon und warten, bis sie fluchend von dannen ziehen.
Als wir schließlich zurück, in der Küche sind, brechen wir vor Gelächter fast zusammen.
Meine Stirn ziert eine dicke Beule. Das ist mein Orden.
Bei der nächsten Begegnung, gespickt mit Gehässigkeiten in meine Richtung, denke ich nur „Erdbeeren“ und alles ist gut.
Und, auch heute, 27 Jahre später, zaubert mir diese Geschichte ein wahrlich wölfisches Grinsen ins Gesicht, denn wer’s war, wissen die bis heute nicht. 😉