Asphalt Piratin 

Weiberfastnacht. Ich fahre die Nachtschicht. Beschließe, mich einzulassen, auf das Treiben, das um mich herum sein wird. Also her mit der Kostümage.
Fahrt um Fahrt fresse ich Kilometer. Meine Fahrgäste sind allesamt friedlich und nicht volltrunken, bis zum Pupillen Stillstand. Eine angenehme Schicht, befinde ich am Ende.
So dürfte es meinetwegen zwei, drei mal die Woche sein.

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Finger weg 

Eins ist mal klar: Es gibt eine Sorte Fahrgast, die eine Art allergische Reaktion hervor ruft.
Erhöhte Grundspannung. Ready to rumble.

Und es läuft immer gleich ab:
Fahrgast steigt ein, meist betrunken (was nicht stört), miefend nach billigem Fusel und bricht die Ansage, wo es hingehen soll, scheinbar, peinlich berührt ab. In dem Moment weiß ich schon, es soll entweder ins Laufhaus oder einen Club gehen. Schließlich rückt Fahrgast dann doch mit seinem Wunschziel raus (ich sollte recht behalten) um dann während der Fahrt ungefähr 20-30 mal zu versichern, wie gut ich ihm gefalle. „Prima, ich mir auch.“ist meine Standard Antwort. Und er spult weiter seine Platte ab.
Ungefähr auf der Hälfte des Weges kommen die Tatschehändchen. Die Grundspannung der Chauffeurin, nämlich mir, erhöht sich. „Finger weg.“ kommt dann gefährlich leise über meine Lippen und die Temperatur in der Droschke fällt dramatisch ab.
Zack, als hätte Fahrgast sich die Finger verbrannt, lässt er dann die Finger wieder bei sich. Sein Glück. Ich bin bereit, sie ihm zu brechen.
Trinkgeld gibt’s dann auch keins. In dem Fall verzichte ich auch gerne drauf.

What a day

Um halb sieben starte ich das Aggregat des Maschit, rolle aus meiner Sackgasse, auf die Hauptstraße. Ich bin gut in der Zeit. Stressfreier Morgen. Die erste Kreuzung. Ich biege ab, wundere mich über das schwammige Fahrverhalten der Sternkarosse. Der Luftverlusst im rechten Vorderrad, einige Tage zuvor, kommt mir in den Sinn. In der nächsten Kurve bin ich sicher: Plattfuß. Aber richtig platt. Keine Abstellmöglichkeit. Ich tue schweren Herzens, was ich lieber vermeiden würde: Ich fahre vorsichtig weiter. Auf Alufelgen und plattem Gummi. Ich hoffe die Felge überlebt das. Das Auto auf dem rettenden Parkplatz abgestellt, gerate ich in Hektik. Von wegen Stressfreier Morgen.
Die Zentrale anrufen, für mich ein Taxi bestellen, das mich zur Ablösung bringt. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit.
Der junge Kollege erkennt die Dringlichkeit und lässt den Pferden des Zwozwölfers die Zügel lang. Wir sausen durch das noch dunkle Bonn, Richtung Südbrücke, während ich die Eltern der Kinder anrufe, die ich gleich fahren soll. Sie müssen wissen, dass ich mich verspäten werde.
Unter der Brücke angekommen, will der Jungkutscher nur fünfzehn Euronen sehen. Schon auf der Brücke hatte er das Taxameter ausgeschaltet. Netter Zug. Le Mans-gleich haste ich zu meinem Achtsitzer, starte schon während des Türeschließens den Diesel und rausche los, auf die Bahn. Nun Richtung Nordbrücke. Ich gebe der alten Maschine die Sporen. Mein Gasfuß begreift nicht, dass ich keinen Druck mehr im Nacken habe. Russwolken gen Himmel blasend, fliege ich über das Asphaltband.
So geschieht das Unfassbare. Ich hebele die Zeit aus. Lediglich zwei Minuten zu spät erreiche ich die erste Adresse, schaue ungläubig auf die Uhr. Wie hab ich das gemacht? Ehrlich, ich habe keine Ahnung.

Mit einem Taxi durch Paris

Nach sieben Stunden Busfahrt und etwas Chaos, was die Verteilung auf unsere Hotels angeht, liege ich endlich im Bett. Drei Stunden später klingelt der Wecker. Ich frühstücke reichlich. Die Veranstaltung, an der ich teilnehme, findet im Stadtteil Defense statt. Hier liegt auch mein Hotel. Zwar gleich an der Seine, doch wie ich vermutet hatte, ist das nicht das Paris, das ich gerne sehen möchte. Hier gibt es moderne Architektur, viel Stahl und Glas.
Während des Meetings ist Selbstversorgung angesagt. Das rührt mich nicht, denn rund um den Espace Grand Arche gibt es genügend Möglichkeiten, sich zu versorgen. Was zwischendurch etwas nagt, ist die Müdigkeit.
Nach dem Event und anschließendem, verdienten Essen im Vapiano zerstreuen wir uns. Da von meiner Mannschaft niemand in meinem Ibis wohnt (es gibt in Defense fünf davon), warte ich am Pullman Hotel alleine auf ein Taxi, das nicht lange auf sich warten lässt. Ich zeige dem Fahrer die Adresse auf meinem Telefon, verspreche mir einmal mehr Französisch zu lernen und los geht’s. Auf dem Weg sehe ich in der ferne den erleuchteten Eiffelturm. Den will ich sehen. Spontan frage ich Lounas, so heißt mein Chauffeur, was es kostet, wenn er eine kleine Rundfahrt mit mir macht. Zwischen dreißig und vierzig Euronen veranschlagt er. Also los! Ich bemerke, dass ich vorne besser sehen könne. Also fährt er rechts ran, räumt seinen Kram vom Beifahrersitz, ich steige um, weiter geht’s.
Wir unterhalten uns. Auf die Art lernt er von mir ein wenig Englisch, ich eine Prise Französisch. Das Gespräch geht fachkundig ums Taxi fahren, darum, wie man mit Fahrgästen umgeht; was man unter Kollegen aus verschiedenen Ländern halt austauschen kann. Mir kommt zugute, dass ich immer noch keine Hemmungen habe, mich in einer Sprache zu versuchen, die ich nicht beherrsche und für meinen Kutscher gilt das gleiche. Wir können gut miteinander.
Am Ende der Tour habe ich den Eiffelturm gesehen, mehrfach die Seine überquert, durfte Notre Dame gesehen, den Louvre und Lido bewundern, weiß, dass am Champs Elysee, zur Weihnachtszeit zwanzig (!) Kilometer Lichterketten montiert werden et cetera. UND in Ermangelung von Schlaf und Zeit war das eine gute Variante von Sightseeing. Am Ende stehen dreiundfünfzig Dublonen auf dem Taxameter. Lounas will nur vierzig. Ich gebe gerne fünf Euro Tip, denn ich habe mich nicht eine Sekunde gelangweilt. Außerdem habe ich meinem Smartphone seine Telefonnummer zur Aufbewahrung anvertraut. Wenn ich wieder komme, werde ich eine Woche bleiben und mir mit diesem freundlichen Kollegen noch ein wenig mehr von dieser wunderbaren Stadt anschauen.
Jetzt wird geschlafen.
Morgen ist noch mal Meeting, bis Mittag. Plus sieben Stunden Rückfahrt. Im Bus. Kann mir jemand sagen, warum ich Dinge tue, die ich mir mit dreiundzwanzig geschworen habe, nie wieder zu tun? Egal. Allein die Taxitour war die Reise wert. Und alle anderen Begenungen auch. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Gute Nacht!

Richtig falsch parken

Montag Morgen. In der Nähe der UNO steht ein Kaffee Roller. Leider gilt vor dem Haupteingang der UN ein Halteverbot, das ich übersehe. Den Achtsitzer platzsparend abgestellt und schnell einen Cappuccino ordern. So weit, so gut. Während ich auf mein Heißgetränk warte, beobachte ich, wie ein Typ älteren Jahrgangs seinen Phaeton gleich hinter meinem Bus platziert, aussteigt. Er blickt sich um, verriegelt sein Auto. Vor meinem Wagen stehen Pfähle, so komme ich da nicht raus, wenn der Kerl verschwindet. Der Cappuccino ist fertig, ich mache mich auf den Weg zum Auto, spreche den Mann an. Gebe zu verstehen, dass ich diese Gefilde, wenn möglich, nun gerne wieder verlassen möchte. Er raunzt mich an. Wie man denn so blöd parken könne. Ich hätte so zu stehen, wie er. Ich frage ihn, wo das geschrieben steht, worauf er weiter motzt, er stünde richtig und ich falsch. Jetzt muss ich lachen und frage ihn, ob er mal auf die Beschilderung geschaut hätte. Laut Straßenverkehrsordnung parkten wir beide verbotswidrig. Seit wann man im Parkverbot richtig parken könne. Er setzt sich in seine schmucke Karosse, nicht ohne noch ein paar Frechheiten über meinen Berufsstand rauszuhauen und macht Platz.

Geht doch.

Eigenverantwortung

Am Ablöseplatz parke ich das Taxi. Auf der Beifahrerseite ist es ziemlich eng. Die Tür geht kaum auf. Zum besseren Verständnis: Wir müssen auf dieser Seite einsteigen, das Weshalb ist Nebensache. Der Chef wartet schon, um die Abrechnung in Empfang zu nehmen. Ich berichte von dem Auto, das so blöd auf dem Platz neben dem Taxi geparkt ist und erfahre, es gehört einer Nachtfahrerin der Firma. Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass mein Nachtfahrer so nicht ins Auto kommt. „Tja, dann hättest Du wohl anders parken sollen, so, dass Platz ist“, meint Chef. Ich dagegen.“Ja, doch ohne das Auto daneben gäbe es das Problem nicht.“
„Dann sieh mal zu, wie S. ins Auto kommt.“
Ich gehe zum Auto. Mir ist klar, ich komme auch nicht rein. Doch was tun? Mit dem Hartschlüssel öffne ich die Beifahrertür. Dann fällt mir die Zentralverriegelung ein und die Schiebetür. Durch den Spalt der Beifahrertür lange ich nach hinten, betätige den Öffner der Schiebetür, steige durch diese ein, schwinge mich auf den Fahrersitz und parke das Auto auf einem anderen Platz.
Als ich das erledigt habe, steige ich in mein eigenes Auto und rufe dem Chef winkend zu:“Ein Hoch auf den Erfinder der Schiebetür.“
„Sehr gut!“,gibt er zurück.
Schon klar: Das vorher geparkte Auto hatte keine Schuld, beziehungsweise die Fahrerin.
Das war eine nette Lektion in Eigenverantwortung und gleichzeitig in Problemlösung.
Anfangs war ich angefressen, dass Chef mich so auflaufen ließ. Jetzt sage ich danke. Und ich frage mich, ob ich nicht allzu häufig das Problem bei den Umständen suche, anstatt erst mal bei mir und meinen Handlungen zu forschen.

Suppenteller

Eine gewisse Selbstzufriedenheit stellt sich ein, als ich heute morgen, an einer defekten Ampel, in einer recht schmalen Straße, auf der reichlich Autos parken, den Viano (die Langversion) in drei Zügen wende. Es mag an den anerkennenden Blicken liegen, die ich von den Leuten ernte, welche sich das Manöver aus ihren Autos heraus ansehen. Das Ding kann man glatt auf einem Suppenteller drehen. Tja, wer kann, der kann. 😉

Ein gutes Ende – und plötzlich ging alles ganz schnell

Als ich mich ein letztes Mal umschaue, sehe, was ich zurück lasse, kommt kurz ein bisschen Wehmut auf. Doch, dann sehe ich wieder nach vorn, lächle und schreite zügig voran. Frei. Frei von der Last. Frei von Ärger. Frei von Sorgen. Frei.
Ich habe meine Sachen raus geholt. Viel war es nicht. Besenrein hinterlasse ich mein altes Habitat. Ein kleiner Tod, wie alles was endet.
Vor einer Stunde haben wir unterschrieben. Der Taxibetrieb Silvia Meerbothe ist Geschichte.
Eine halbe Stunde nachdem der Käufer mitteilt, alle Unterlagen seien da, gehören die Rückenschmerzen ebenfalls der Vergangenheit an. Ebenso die Hüftschmerzen.
Nun bin ich seit zwanzig Jahren das erste mal erwerbslos. In sechs Wochen fange ich in der anderen Firma an. Klar, ich bleibe meiner Passion treu. Ich fahre Taxi. Fahren und gut. Keine Buchführung, keine fiese Post mehr vom Finanzamt. Ok, bis zum Geschäftsabschluss am Jahresende vielleicht noch ein bisschen.
Bin ich froh? Yesss, ich bin froh.

Schwachmaten

Sie umringen mich. Der neue Käufer ist heiß auf den Betrieb, hat Kohle aber keine Unternehmerprüfung, sprich keinen Nachweis für die fachliche Eignung. Gut, dass ich noch mal nachgefragt habe. Ich frage, was er denkt, auf welcher Grundlage die Stadt die Genehmigungen erteilt. Ob ich nicht die Geschäfte führen wolle. Ich brech ab. Heute Mittag habe ich ihm noch erklärt, dass ich genau auf diesen Mist keine Lust mehr habe und deswegen verkaufe. Sind die eigentlich alle bescheuert, frage ich mich. Kopfschüttelnd sitze ich und tippe diese Zeilen. Neee, ne, ne, ne…..