Im Untergrund 

Noch so eine Verbindlichkeitsgeschichte. Über Facebook erreicht mich die Nachricht des Sohnes, des Mannes, meiner verstorbenen Mama. Er sei mit der Ahnenforschung beschäftigt und man (die Freundin meiner Mama) habe ihm versprochen, man (ich) würde ihm die Unterlagen und Fotos zukommen lassen. Mit anderen Worten, es ist soweit. Der Karton, der mich seit über einem Jahr mahnend anstarrt, betrete ich den Keller, wird ans Licht gezerrt. Schnell weiß ich, weshalb ich es dauernd vor mir hergeschoben habe. Wer schon länger liest, weiß, dass ich Jahre lang keinen Kontakt zu meiner Mutter hatte. Selbst von ihrem Tod erfuhr ich erst kurz vor der Beisetzung. So war das halt.
Ich sichte Fotos, die mich als kleinen Kackarsch zeigen. Pausbackig. Auch Fotos, die zeigen, dass auch mein Vater nicht so unnahbar war, wie es in meiner Erinnerung präsent war. Ich stehe im Keller, sehe all die Bilder. Sehe, dass meine Mutter eine schöne, elegante und witzige Frau war. Und ich sehe viele, viele Ähnlichkeiten zwischen uns. Das Grimassen schneiden, das Lachen, das Gesicht, wenn sie ernst war. Die Haltung. Ich hab so viel von ihr. Auch meine Emotionalität. Und die bricht sich Bahn, als ich da im Keller stehe. So sehr sie mir früher auf die Nerven gegangen ist, egal welche Kämpfe wir miteinander ausgetragen haben. Heute wird mir sehr schmerzhaft bewusst, dass ich sie liebe und, dass ich sie vermisse. Schon seit Jahren. Und jetzt, wo ich das hier schreibe, heule ich wieder, wie ein Schlosshund. Wir Menschen sind so schnell damit, unsere Lieben aus unserem Leben zu streichen, weil sie nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Vielleicht ist es an der Zeit, auf das zu blicken, was uns verbindet. Ich werde heute wohl noch viel Salzwasser über meine Wangen schicken. Mama, ich liebe Dich!

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2 Gedanken zu “Im Untergrund 

  1. Meine Mutter und ich hatten es oft auch nicht leicht miteinander und sie hat mir (und nicht nur mir) arg zugesetzt. Sie konnte richtig gemein sein. Aber so richtig. Und dann kam der Alzheimer und nahm all das Böse fort und ich lernte sie auf eine neue, berührende Art kennen und es geht mir wie Dir, sie fehlt mir. Sie hat sich langsam davongeschlichen, wie das so ist mit dieser Krankheit, aber ich habe mich mit ihr versöhnen können.
    Es stimmt, was du schreibst, das mit dem aus dem Leben streichen.
    Manchmal ist es einfach nicht so leicht.
    Liebste Grüße aus dem Neanderthal!
    SaMaTe

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