Regen

Hier sitze ich.
Lausche.
Fühle.
Lasse das Leben auf mich regnen.
Manchmal hagelt es.
Dann, feiner Nieselregen.
Warm.
Ab und zu kühl.
Schwül.
Ermattend.
Liebkosend.
Erfrischend.
Ich fühle den Regen auf mich prasseln.
Ihn auf meiner Seele zu kleinen Rinnsalen werden,
die von mir anperlen.
Dazu gesellt sich eine leichte Brise.
Zeitweise frischt sie auf, zum Sturm,
um sich, zu späterer Zeit, in einen warmen
Sommerhauch zu wandeln.
Tage kommen, Tage gehen,
während das Leben stetig weiter auf mich regnet.
Und ich den Regen liebe.

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Zwei Oberstübchen

Es gibt da diesen Film: „Der Mann mit den zwei Gehirnen“. Wer ihn nicht kennt, hier.
Nun, ich kann bald ebenfalls einen Film drehen: „Die Frau mit den zwei Oberstübchen.“ Denn, es mag nicht jeder wissen, vom Gestzgeber ist es abgesegnet, dass die Angehörigen für drei Monate die Mietfortzahlung übernehmen (es sei denn, es findet sich flux ein Nachmieter), stirbt ein naher Verwandter. Ich sag mal, näher als eine Mama ihrer Tochter geht nicht. Auch bei größtmöglicher gehaltener Distanz. Das ist doch prima! Meine Mutter wohnte im Dachgeschoss. Das heißt, ich bin nun stolze Mieterin (oder Bezahlerin) von zwei Dachwohnungen, die ich beide NICHT bewohne. Die einzige Dachwohnung, die ich kostenlos bewohne, ist die derzeitige beim Herrn Gemahl.
Warum ich nicht einfach in die Wohnung meiner Mutter ziehe? Ich mag den Gedanken nicht, dass sie dort tot gelegen hat. Außerdem mochte ich die Wohnung nie. Und, es ist ein Dachgeschoss. Davon bin ich geheilt, seit ich bei vierzig Grad die Stinkewohnung aufschloss. Zu warm. Im Prinzip kann ich nicht viel tun. Nur warten, bis diese absurde Situation ein Ende findet. Eine gute Übung für Madame Kontrollfreak. Es kommt der Tag, da wird Normalität einkehren im Silvialeben. Wenigstens ein wenig. Bitte.

Weinen

Ich habe immer gewusst, dass es so kommt und ich bin glücklich, Recht behalten zu haben. Die Menschen haben mich oft gefragt, ob es nicht schrecklich sei, keinen Kontakt mit der Mutter zu haben. Nachdem ich meinen Frieden mit ihr gemacht hatte, kann ich nur sagen: Nein, es war überhaupt nicht schlimm. Auch ohne den visuellen Kontakt, war mir Verbundenheit möglich. Und möglich ist es jedem einzelnen. Für uns war es der bessere Weg, denn wir waren verdammt gut darin, uns gegenseitig seelische Wunden zu schlagen. Dazu muss ich sagen, dass meine Mutter außer zu mir, auch zu ihren Freunden (bis auf die eine, die sich um sie gekümmert hat) jeglichen Kontakt abgebrochen hatte. Das war nach dem Tod ihres Mannes ihr Weg. Sie verließ das Haus nicht mehr.
Zurück zum ersten Satz. Ich wusste immer, sie ist mir nicht egal. Ich wusste, wenn ich die Nachricht von ihrem Tod erhalte, wird es ein paar Stunden dauern, doch dann werden die Dämme brechen. So war es. Eine Stunde früher als sonst, mache ich Feierabend. Und heule lauthals in meinen Taxibus. Dann fahre ich nach Hause. Heule wieder. Die Trauer kommt in Wellen. Und kommt sie, lasse ich mich von ihr umspülen. Ich lasse sie kommen und gehen. Das geht ein paar Stunden. Dann ist der Spuk vorbei. Ich fühle mich leer. Klar.

Gevatter Tod

Eben erreicht mich die Kunde, dass meine Mama am Wochenende verstorben ist. Die Frau, die sich um sie kümmerte (sie verließ ja die Wohnung nicht mehr), fand sie Sonntag tot in ihrer Wohnung.
Ich weiß, dass sich manche Betrachtung unserer Beziehung liest als hätte ich Wut gehabt. Sicher, früher, vor dem Versuch den Kontakt wieder aufleben zu lassen, war das auch so. Doch obwohl der Versuch selbst gescheitert ist, hatte ich die Möglichkeit, in mir meinen Frieden mit ihr zu machen. Darüber bin ich froh. Ich bin etwas traurig, doch sonst geht’s mir gut. Ich bin ganz ruhig.
Ich muss mich nicht mal groß kümmern, Donnerstag nächste Woche, ist schon die Beerdigung. Ob ich hin gehe? Klar doch. Tschüß sagen möchte ich. Und danke, für das was gut war.

Immer wieder neu

Es gibt Schritte im Leben, die erfordern Mut: Ich brauchte Mut, um zum Herrn Faun nach Irland zu reisen.
Meine Firma zu verkaufen erforderte Mut. Jedoch nicht soviel Mut, wie dem Herrn Gemahl mitzuteilen, dass ich für unsere Beziehung leider keine Zukunft mehr sehe.
Nun brauche ich wieder Mut: Ein Umzug steht an. Nein, keine Wohnung in Bonn. Es geht ein Eckchen weiter. Sechshundert Kilometer weiter Richtung Süden. Ob ich dort Arbeit habe? Nein. Ich werde erst einmal tun, was ich bisher, nach dem Verkauf der Firma, nicht konnte. Mich erholen.
Und reisen. Gemeinsam mit dem Herrn Faun. Was mit meinem neuen Job ist? Ach ja, auch meinem Chef zu erklären, dass ich nach zwei Monaten wieder aufhöre (nachdem er vier Monate auf mich gewartet hat), erfordert Mut. Wovon ich leben werde? Nun, der Herr Faun möchte vorerst seine Pension mit mir teilen.
Jetzt höre ich sie: Die Aufschreie. Die Glaubenssätze. Bist Du verrückt?! Ohne Job!? Machst Dich abhängig von einem Mann! Du brauchst ein eigenes Einkommen!

Ganz ehrlich, all das ist natürlich(!) auch mir durch den Kopf gegangen. Mich auf diese Unternehmung einzulassen erfordert was? Genau, wieder Mut.
Bisher bereue ich nichts. Ich probiere mich aus. Das bedeutet nicht, dass es nicht anstrengend ist. Ich habe gelitten und viel geweint. Denn man glaube bitte nicht, man leide keinen Trennungsschmerz, nur weil man die ist die geht. Man gibt sein bisheriges Leben auf. Die Psychologie spricht gerne von der Komfortzone. Und man ist sich bewusst, dass man das gerade stattfindende Leid selbst zu verantworten hat. Da hat man es schon leichter, ist man die Verlassene.
Man muss sich selbst aushalten, was nicht immer leicht ist.
ABER: Ich weiß es lohnt sich. Kein Tag ist wie der andere. Oft bin ich sehr müde, weil ich an den meisten Tagen zehn Stunden fahre. Und trotzdem. Ich lebe. Und die Phase in der es etwas schwierig ist, geht vorbei. Nichts ist für immer. Nur eins hat bestand, der ständige Wandel und die Tatsache, dass man immer wieder neu Mut braucht.

Hin und wieder zurück – oder, der kürzeste Auszug aller Zeiten

Die Wohnung ist ein Traum. Bei der Besichtigung, bei der Übergabe; ich bin ganz euphorisch. Vorgestern habe ich mir ein Bett gekauft und auch gleich Terrassen Möbel. Freundin Piwi ist behilflich. Gemeinsam buckeln wir meine Errungenschaften in die vierte Etage. Ich bin gespannt, was Piwi zu meiner neuen Bleibe sagen wird. Ich schließe die Tür auf. Wärme schlägt mir entgegen. Damit hatte ich bei einer Dachetage gerechnet. Jedoch nicht mit dem unangenehmen Dunst von Teppich Kleber. War die Wohnung bei der Besichtigung und der Übergabe gut gelüftet, waren nun zwei Tage alle Schotten dicht. Die Sonne hat ihr Teil dazu gegeben. Mir ist klar: Hier werde ich nicht eine Nacht verbringen. Zumal der Dunst eine Art Film auf meiner Zunge hinterlässt.
Telefonat mit dem Vermieter und dem Makler. Schnell kristallisiert sich heraus, dass ein anderer Boden (Laminat vielleicht), seitens des Vermieters nicht in Frage kommt. Das führt zu meiner nächsten Einsicht: Aus der Traum.
Heute Ortsbegehung. Ich möchte, dass der Vermieter mal ein Näschen Wohnungsluft schnuppert. Kein Einsehen. Das sei normal bei einem neuen Teppich (liegt seit März 2014). Schadensbegrenzung: Der Makler sucht für die von mir gezahlte Courtage einen Nachmieter, ich kündige die Wohnung und der Vermieter behält die Kaution. Findet sich zeitnah ein Nachmieter, bekomme ich Anteilmäßig etwas zurück.
Es mag Leute geben, die der Meinung sind, ich solle nun auf die Barrikaden gehen. Dafür fehlt mir die Energie, also sehe ich es als Lehrgeld. Und wer weiß, wofür es gut ist. That’s the way it goes. Ich wähle den Weg des geringsten Widerstands. Manchmal ist das das Klügste.
Nun wohne ich erst mal weiter im gemeinsamen Haus. Der Herr  Noch-Gemahl ist ein guter Freund, ihm macht es nichts aus. Also, alles noch mal neu überlegen. Bin wieder am Ausgangspunkt. Und gelassen.
Die Terrassen Möbel habe ich bereits storniert. Freundin Piwi hilft auch heute wieder. Diesmal das Bett wieder runter schleppen. Das ersetzt den Sport, den ich momentan nicht treibe. Zuviel Tohuwabohu. Kommt Ruhe, kommt Sport. Solange gilt: Nerve behaale.