Opa Adi

Opa Adolf. Er bekommt jetzt endlich, was er verdient:
Eine Erwähnung voller Liebe.
Er war mir die Vaterfigur im frühen Kindesalter (Kindergarten/Grundschule).
Von ihm bekam ich Zuneigung und Aufmerksamkeit (mein Vater war arbeiten).
Bei ihm durfte ich alles sein. Ich war immer richtig.
Opa Adolf, der dritte Mann meiner Oma väterlicherseits. Er wohnte in der Altstadt,
im gleichen Haus, im Dachgeschoss. Die Oma starb, da war ich zwei. Ich habe keine
Erinnerung an sie. Opa Adi war immer da. Er aß mit uns zu Mittag. Von ihm lernte
ich Ironie, wie sie funktioniert. Er diskutierte mit mir kleiner Person, als sei ich erwachsen.
Er war, wie ich, ein Waage Mensch. Ich nahm viele seiner Eigenarten an.
Meine Mutter und mich verwöhnte er:
Sie bekam Schmuck, Pelze. Ich Aufmerksamkeit, Spielzeug, Kleider.
Auch unternahmen er viel mit uns: Schiffstouren, Pützchens Markt (wir gewannen
an der Losbude die allergrößten Stofftiere), essen gehen im „Hähnchen“, einem alteingesessenen
Lokal am Bonner Münsterplatz.
Meine Mutter machte oft einen eifersüchtigen Eindruck, schob unsere Diskussionen darauf, dass wir
Waagegeborene seien (als sei das ein Makel). Und an Vollmond spännen die sowieso.
Ich habe immer noch ihren Unterton im Ohr, der mir heute, auch nach über dreißig
Jahren sagt, die Eifersucht war echt.
Brauchte ich Aufmerksamkeit, erklomm ich die gebohnerte Treppe zum vierten Stock und setzte mich
auf die Küchen Bank. Hier servierte er mir ein Weinprobierglas mit schwarzem Johannisbeersaft. Unser
Ritual. Es war immer auffallend ruhig, bei ihm. Nur das Gurren der Tauben im Dachstuhl war zu hören.
Er besaß weder Fernseher, noch Radio. Ich genoss die Stille. Oft saßen wir dort oben schweigend.
Adi war ein eleganter Mann:
Immer grauer Anzug. Manschettenknöpfe. Krawatte. Schwarze, blitzblank polierte
Lederschuhe. Gebildet. Alles makellos. Auch das silberne Haar.
In der Anzug Tasche ein Feuerzeug, um den Damen, wenn nötig, Feuer zu geben.
Er selbst rauchte nicht.
Er war ironisch, charmant, gutaussehend (ja, das weiß ich, obwohl ich so jung und er so alt war), weltoffen. Groß
gewachsen, schlanke Gestalt. Und er reiste. Vornehmlich mit dem Zug, welchem ich oft hinterwinkte,
ging er für Wochen auf Reisen. Dann vermisste ich ihn. Kehrte er zurück, brachte er mir etwas mit.
Trotzdem war immer eine winzige Distanz zwischen uns. Vielleicht, weil er nicht mein Blutsverwandter war.

Schlimm, wie er mein Leben verließ. Oder hinaus gestoßen wurde. Eines Tages verliebte er sich. Hatte eine
Freundin. Die Eifersucht meiner Mutter durfte sich nun voll entfalten. Es kam zum Disput, der nie beigelegt wurde.
Ich saß zwischen den Stühlen. Hatte ein Loyalitätsproblem.
Dann zogen wir um und der Kontakt brach ab.

Als ich mit den Punks abhing, kam ich auf die Idee ihn zu besuchen. Ich klingelte, erklomm, wie früher, die Stufen in die vierte
Etage. Er stand, auch wie immer, oben am Geländer (Gegensprechanlage gab es nicht), verschwand kurz, um mit einem
Schrubber wieder aufzutauchen. Unwirsch fragte er, was ich denn wolle, drohte mir dem Stiel (er hatte mich nicht erkannt).
Ich gab mich zu erkennen, bekam mein Glas Johannisbeersaft.

Als ich ihn verließ ahnte ich nicht, dass es das letzte Wiedersehen war.

Es gibt keinen Menschen, der besser zu mir war, der mich mehr in meinem Wesen akzeptiert hat, als Opa Adi.

Danke.

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9 Gedanken zu “Opa Adi

  1. Was für eine liebevolle Erinnerung an den wunderbaren Opa Adi. Man liest deine warmen Worte und hat das Gefühl, man hätte diesen lieben Menschen gekannt!
    Herzliche Grüße sendet dir
    Marlis

      • Manchmal wissen wir nicht, daß und wie sie uns prägen, diese besonderen Menschen. Und wenn wir es dereinst verstehen, ist es oft so, daß wir uns wünschen, es hätte noch viel mehr solch „inniger Momente” geben sollen… 🙂

      • Stimmt, seit ich auf diesen Teil meiner Kindheit gestoßen bin, weiß ich weshalb ich an einem bestimmten Typ Mann kleben bleibe. Ganz ohne erotischen Input.
        Das ist total verrückt. Ich will dann nur nah sein. Im mentalen Sinn. Das Erkennen dieses Zusammenhangs hat mich erst mal überwältigt. Ich habe lange geweint, weil ich erkannt habe, was fehlt und das mir dieses Gefühl keiner von außen geben kann. Ich in der Erinnerung jedoch erheblichen Trost finde.

        Mensch sein ist nicht immer easy. 🙂

    • Es strich Zeit ins Land. Irgendwann kam die Kunde, er sei gestorben.
      Ich habe erst vor ein paar Tagen darüber weinen können. Weil mir auch erst vor ein paar Tagen in den Sinn kam, dass er es ist, der mir wahnsinnig fehlt. Mehr, als irgendwer sonst aus meiner Familie.

      Es war so, als wäre jemand vermisst gemeldet, aber nie gefunden worden. Schwer zu beschreiben, was da gelaufen ist.

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