Artur, ohne H

Der Herr Gemahl und ich gehen zum Essen in die Harmonie. Nachdem ich eine Woche lang fast ausschließlich von Garnelen, Datteln, Papas arrugadas (Runzelkartoffeln) und Käse gelebt habe, ist mir nach Salat.
Wir sitzen an unserem Platz, direkt neben der Tür (ein wenig sitzen wir da wie Waldorf und Stattler).
Nach einer Weile, wir sind eben mit essen fertig, kommt ein Opa mit Basecap rein, schwankt ein wenig, geht zur Theke, bestellt Bier. Spricht links und rechts die Leute an. Auch uns. Ich versteh nicht, was er sagt. Als er sich wieder umdreht, meint der Herr Gemahl, der Opa sei ein unangenehmer Typ. Den habe er schon mal gesehen. Ich beobachte die Szenerie. Jeder ignoriert den Opa. er scheint aber nicht auf Krawall auszusein.
Der Herr Gemahl fragt mich, ob nächste Woche die Karnevalswoche sei, was der Opa fröhlich grinsend für mich mit „ja,das ist nächste Woche“ beantwortet. Der Herr Gemahl ignoriert ihn und ich zuerst auch. Dann beobachte ich den Opa. Er scheint irritiert, dass niemand auf ihn eingeht. Wirkt gar ein wenig traurig. Irgendwann dreht er sich um, erzählt mir was. Ich verstehe irgendwas mit Wein und frage nach.
So wendet sich das Blatt. Er käme aus dem Pott und seine Frau käme vom Weinbau an der Mosel. Ich komme mit ihm ins Gespräch, worüber er später noch seine Freude bekundet. Andere würden sich oft blöd angemacht fühlen, erklärt er. Ich mag den Opa, Artur ohne H, wie er sich vorstellt. Inzwischen hat sich auch der Herr Gemahl mit ins Gespräch eingeklinkt. Wir erfahren, dass er auf dem Rhein die Ausbildung zum Matrosen gemacht hat. Damals fuhren noch Dampfschiffe mit Schleppkänen. Später ist er zur See gefahren, hat nachher in den Fernverkehr mit LKW gewechselt. Inzwischen sechsundsiebzigjährig fährt er von Montag bis Freitag Behinderte auf 450€-Basis. Freitag und Samstag Abend zwitschert er sich einen. Seine Frau (vierzig Jahre verheiratet) kennt das, ist nicht bös, sagt er.
Sonntag ist Ruhetag. Schließlich hat er ab Montag wieder Verantwortung, da muss er fit sein. Auch auf dem LKW habe er nie einen Schluck Alkohol getrunken.
Außerdem geht er als Engel im hiesigen Karnevalszug mit, sprich er passt auf, dass niemand unter die Wagen gerät.
Humor hat er auch. Außerdem versteht er den meinen. Als er sich auf den Heimweg macht, gibt er dem Herrn Gemahl noch zu verstehen, dass dieser eine sehr hübsche Frau habe (danke, für das Kompliment) und, dass er sie (also mich) gut festhalten soll (ich weiß nicht ganz, wie er das meint).
Als er durch die Tür ist, habe ich bestimmt vier Handküsse über den Abend verteilt bekommen. Süß.
Und, er hat ein Wort benutzt, das ich seit dem Tod meines alten Herrn nicht mehr gehört habe:Kokolores, übersetzt in etwa: Blödsinn, Firlefanz. Herrlich! Gleich wieder ins Vokabular aufnehmen 😀

Auf unserem Heimweg meint der Herr Gemahl, man dürfe Menschen nicht sofort verurteilen. Artur sei ja echt nett und hätte so viel zu erzählen.
Ich erwidere nichts. Ich lächle nur und nicke.

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6 Gedanken zu “Artur, ohne H

  1. eine wunderschöne Geschichte!
    Und ich – als gebürtige Sächsin – dachte bis jetzt, man schreibt Kokolores mit G (in meiner Heimat spricht man halt alles ein bisschen weicher aus…) doch ich habe mich ebenfalls gefreut, das Wort wiederzuhören (wiederzu lesen 🙂 )
    viele liebe Wochenendgrüße von
    Marlis

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