Das Sterben des Einzelhandels

Geht’s ums Besteck, geh zu Rischelweck. Hier gab es Keramikfrisörscheren und alles was man sonst an Besteck brauchte. Hier kaufte ich eine Eisenschere, mit der man drei Millimeter dicke Pappe schneiden kann (ich hab sie immer noch), ich brauchte sie für ein Dekorationsseminar bei der Firma Pelikan in Hannover. Der Laden schließt, als ich gerade mit der Ausbildung fertig bin.
Gebrüder Haak schließt einige Jahre später. Hier konnte man von der Waschmaschine bis zur einzelnen Schraube alles kaufen. Der Herr Gemahl hat den Laden geliebt, weil es auch Schrauben gab, die man im Baumarkt nicht bekam.
Strömer und Emons, Mitbewerber meines Ausbildungsbetriebs kann sich auch nicht halten, spezialisiert auf technisches Zeichnen. Auch die Lage direkt gegenüber der Uni kann sie nicht retten.
Riesenkönig, ebenfalls ein Mitbewerber wird erst von meinem Ausbildungsbetrieb übernommen, bevor ein paar Jahre später auch hier der Vorhang fällt.
Und jetzt?
Jetzt hat es auch J.F.Carthaus erwischt. Meinen Ausbildungsbetrieb (ich nenne ihn das Haus der schönen Dinge) gibt es seit 1875. Ende Juni ist Schluss. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so trifft. Ich bin traurig. Und es tut mir leid für die 70 Angestellten, die dort arbeiten.
Hier habe ich alles über Papier und Schreibgeräte gelernt. Mont Blanc Füllhalter an Menschen verkauft, die was Besonderes für den Enkel, der promovierte, oder zur Kommunion haben wollten und I-Dötzchen Schulfüller in die Hand gedrückt, damit sie testen konnten, welcher gut passt, sprich gut in der Hand liegt; in der Abteilung Schulbedarf mit den Eltern und den Kids vom Ranzen bis zum Schulheft die Sachen zusammen gesucht, die auf der Liste standen, welche von der Schule ausgegeben wurde.
Meine Abteilungen waren Schul- und Künstlerbedarf.
Ein wirklich schöner Laden stirbt und nimmt einen Teil meines Lebens mit.
In solchen Momenten verfluche ich das Internet. Das und all die großen Läden töten den Einzelhandel, der an Produkttiefe und Fachkunde nicht zu übertreffen ist. Aber, Geiz ist halt geil, gelle?
Sehr, sehr traurig.

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16 Gedanken zu “Das Sterben des Einzelhandels

  1. Carthaus, das tut mir aus der Entfernung weh. Zeichenkarton für die Schnibbelkurse …

    Einige weitere, deren Namen ich längst vergessen hab, wird es wohl auch längst nicht mehr geben, wie das kleine Lädchen in der Meckenheimer, wo ich einst pH-papier, Bestimmungslupe und Präparierbesteck kaufte …
    … das Holzkästchen hab ich heute noch.

      • ist auch schon was länger her. Mein letzter Einkauf dort dürfte so ’77 gewesen sein und zum Ende des Studiums gab es den glaub ich schon gar nicht mehr. Bei Carthaus, Strömer und Emons, Bouvier ect. hab ich aber auch oft gekauft.

        Ist alles schon sehr lange her, ich glaube ich würde viele in Bonn nicht mher wiedererkennen. Etliches ist ja schon zu meiner Zeit verschwunden, was mir ans Herz gewachsen war, unter anderem das Poppelsdorfer und das Endenicher Kino. Das alte Woki gibbet wohl auch nicht mehr …

        Und das Folkfest in der Endenicher Burg. Ach ich hör jetzt mal auf …

  2. Beeindruckend. Das Verschwinden. Ich frage mich jedesmal, warum das in Deutschland so kahlschlagartig geschieht. In England, Frankreich, Italien oder auch auf dem Schwarzen Berg gibt es noch viel kleine Geschäfte…
    Morgenschöne Grüsse aus der Einflugschneise im Bembelland

    • Ja, ich finde es traurig. Und das ist so endgültig. Bei mir im Nachbarort gibt es ein Fotogeschäft, das keine Kameras mehr verkauft, weil sie dem Preiskampf nicht standhalten können. Kein Wunder. PRO Markt UND Media Markt in direkter Nachbarschaft. Der Typ I’m Fotoladen (der auch mein Bewerbungsfoto gemacht hat), meint die verkaufen, die Dinger unter seinem EK Preis. Weil die bei Abnahme von 15000 Stück natürlich auch gleich einen anderen EK haben, als er.
      Nur, das bei denen die Beratung und der Service um Längen schlechter ist, das ist egal. Hauptsache billig, billig, billig…
      Ehrlich gesagt, könnte ich mal eben ordentlich los kübeln. Vor allem, weil es genau die Leute, die zu den großen Rennen, sich nachher beschweren, der Service sei Scheiße. Hach, ich komm in Rage….

      • Tja, die Deutschen – die Parole des Ichbinblödmarktes kam gerade richtig. Die gibts in keinem anderen Land, wo die ihre Filialen haben.

        Es ist alles noch viel schlimmer:
        Die Deutschen lesen Testberichte und informieren sich genau, am liebsten beim Fachmann im Einzelhandel. Dem stehlen manche obendrein die Zeit, weil sie mit ihrem Halbwissen dann auch noch diskutieren wollen. Dann ab in den Supermarkt, das gewünschte Teil ausprobieren. Und dann daheim im Internet das noch billigere Teil suchen.
        Wenn die Deutschen wirklich so superschlau wären wie sie gerne wären, danns gings selbst den grossen Blödläden schlecht. Nur ihre Unsicherheit lässt viele vom Kauf im Internet zurückschrecken.
        Zugegeben, reichlich verallgemeindernd, aber so stelle ich das fest als Deutscher, der im Ausland lebt und sich den Konsumaffenzirkus hier betrachtet.

        Die Deutschen (ich sag das mal sehr pauschal) müssen mehrmals im Jahr verreisen, üben mindestens sechs verschiedene Sportarten gleichzeitig aus, brauchen mit jedem Autokauf ein grösseres, brauchen ständig was Neues (merr gönne uns ja sonst nix) – und was ich am überraschendsten finde: sie haben bei alledem auch noch die Zeit ständig unzufrieden zu sein…
        Morgendlichgutgelaunte Grüsse aus dem rebellischen Bembelland.

      • Da das leider auf die große Masse zutrifft, ist die Pauschalisierung ziemlich gerechtfertigt. Der Teil, auf den das nicht zutrifft, wird genug Grips haben, sich nicht angesprochen zu fühlen, so wie meiner einer.

        Liebe Grüße zurück aus dem aufgebrachten, ebenfalls rebellischen Rhein(gold)land.

      • Ich glaube ganz einfach, dass in Ländern, wie dem schwarzen Berg, das Sozialgefüge noch besser ist, man Wert legt, auf das persönliche, was ja in einem Einzelhandel auch irgendwie mit dazu gehört. Man kennt seine Kunden, weiß was er braucht, was ihm gefällt, kennt ihn beim Namen. Und wenn nicht, dann tut man wenigstens so, wenn Sie verstehen, was ich meine.
        Diese Konsummenschenmühlen, sehen doch keinen einzelnen Kunden. Wenn ich mir morgen im Ichbinblödmarkt (gleich übernehmen) eine Kamera kaufe, kennt man mich nach einer Stunde nicht mehr.
        Darauf legt man in Länder, wie dem schwarzen Berg und den anderen einfach mehr wert als Kunde. Wahrscheinlich, weil man sich bewusst ist, dass man sich vielleicht irgendwann mal wieder gegenseitig braucht. Deutschland ist wie eine dicke Made. Träge, von zu viel Mastfutter. Deshalb wird hier auch immer so träge aufgestanden, wenn es Not tun würde.

      • Ich will Ihnen gerne Ihre (meiner bescheidenen Meinung nach) romantische Sicht der Dinge lassen.
        Nach meiner Beobachtung liegt das emotionale Moment allein bei der Kundschaft: ein gefrässiges Alleshabenwollen und das am liebsten umsonst. Diese Gier macht die kleinen Läden kaputt. Und von staatlicher Seite erfahren die kleinen Läden keinen Schutz, im Gegenteil. Und das, obwohl sie nicht mit Arbeitsplätzen drohen sondern die Mehrheit der Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen im Land. Und das, obwohl sie ihre Steuern nicht verhandeln können sondern pünktlich zahlen müssen, sonst setzts Mahnbescheide und Strafbefehle…
        In den anderen genannten Ländern sind die Konsumenten nicht so masslos. Und um im Gleichgewicht zu bleiben, die Kleinunternehmer auch nicht.
        Das Baguette, das wir knusprig frisch in Frankreich so gerne essen, wird von einem Bäcker gebacken, der dreimal am Tag frisch backt. Viele sogar sieben Tage in der Woche. Und dann gehts raus im klapprigen Peugeot an den Stadtrand und dort wird die Angel ins Wasser gehängt für einige Stunden. Oder sonntags wird mal zum Essen gegangen.
        Der Bäcker hier im Kaff hat drei Filialen, Riesenschüssel, ist bei Meisterkoch Laber im Exklusivkochclub geht paragliden und golfen. Und jammertundjammertundjammert. Und gekocht wird trotz Laberheini nicht zuhause… Das meine ich mit dem Unterschied.

      • So romantisch verklärt bin ich gar nicht. Ich sage nur, wie der Einzelhandel es handhabt. Oder soll ich besser sagen handhabte?
        Dass das Sterben der Kundschaft und dem Staat anzukreiden ist, bestreite ich ja nicht.
        Wie gesagt, man legt leider keinen Wert mehr auf persönliche Beziehung zwischen Kundschaft und Geschäft.
        Und auch das gehört m. E. Zum Sozialgefüge. Oder sehe ich das falsch?

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