Once upon a time – Schiffsdiesel

Wir schreiben das Jahr 2009.
Mein Taxi ein Mercedes W124 – 250 D, Modell Schiffsdiesel. Dauerläufer. Meiner ist schon ein wenig in die Jahre gekommen.
Mit dieser festen Burg stehe ich vor dem Bonner Hauptbahnhof, als ein junges Paar mit Koffern auf mich zustürmt.
Nach Frankfurt, zum Flughafen wollen sie.
Und da die Bahn eine Stunde mit den beiden auf freier Strecke gestanden hat, bitte recht hurtig.
Nach Martinique soll die Reise gehen. Und das nicht einfach so, sondern, um dort zu heiraten. Der Flieger geht nur einmal in der Woche.
Es geht los, doch noch bevor ich am Verteilerkreis auf die Bahn fahre, leuchtet die Tanklampe.
Also rausche ich noch schnell auf die am Verteiler ansässige Tanke und lasse für 10€ Sprit reinlaufen (muss ja schnell gehen, und dem Maschit reicht das bis Frankfurt).
Zack, bezahlen, auf die Bahn.
Wir haben Glück, alles frei. Auch die A3.
Nun ist die ja bekanntlich alles andere als flach. Das heißt für mich und meinen Maschit auf jeder Kuppe das Gas Bis zum Anschlag durchtreten, um sich dann im freien Fall und immer noch mit Vollgas in die darauf folgende Senke zu stürzen.
Hinten, im Fond, telefonieren meine Fahrgäste aufgeregt mit einer der Mütter, die im Kontakt mit dem Flughafen steht, damit die Maschine nicht ohne die beiden abhebt.
Das, damit ihr wisst, wie knapp die Zeit ist.

Nun möchte ich die Widrigkeiten nicht verschweigen. Ich habe in einem der Vorderreifen (billigen Mist gekauft) eine Unwucht. Sprich bei 80 und ab 130 km/h vibriert die Karre derartig, dass mir fast die Füllungen aus den Zähnen fliegen und die Fahrgäste eine Sehstörung bekommen.
Das reduziert unser Reisetempo auf 125 km/h. Da ist Ruhe im Fahrwerk.

Weiter geht’s.
Kurz vor Limburg kommt die heftigste Steigung, da muss dann doch wieder Vollgas ran Mit 170 (laut Tacho) stürze ich mich zu Tal. Alles vibriert. In der Senke, nochmal Kickdown. Der Fünf-Zylinder brüllt. Beim Blick in den Rückspiegel sitzt mir die Sorge im Nacken. Blauer Dunst nimmt meinen Verfolgern die Sicht.
Während ich mir noch denke, dass das suboptimal ist, leuchtet im Cockpit die Öllampe auf.

Warnblinkanlage, ich fahre rechts ran. Die Fahrgäste, irritiert: „Was ist los?!“
“ Och, nix Schlimmes, ich muss nur einen Liter Öl nachschütten.“
Von hinten, ungläubig:“Was!!!!? Wir haben doch keine Zeit!“
„Die muss ich mir leider nehmen, sonst wird das nix mit Flug“, entgegne ich und versorge mein Auto mit Öl; bin schnell fertig.
Zwei Minuten später, die Öllampe ist aus und wir wieder auf der Bahn.

Die zwei haben Glück. Ich kann beim Terminal vorfahren. Sie reichen mir das Geld nach vorne, springen aus dem Auto und sprinten mit heißlaufenden Kofferrollen in Richtung Abfertigung.

Ob sie den Flieger erwischt haben?
Keine Ahnung. Sie hatten meine Karte und Regress Ansprüche wurden bisher keine geltend gemacht. Ich schätze, es ist gut gegangen.

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Ein Gedanke zu “Once upon a time – Schiffsdiesel

  1. Wer in Frankfurt am HBF Südseite steht, spekuliert gerne auf Fahrgäste, die den Bus verpasst haben. Die Haltestelle ist etwas weiter hinten. Von dort fahren die Busse nach Frankfurt / Hahn. Billigfliegerfeldflugplatz im Hunsrück. 120km weit entfernt. Diese Fahrgäste habens dann auch immer eilig und der Kutscher freut sich 😉
    Spätabendlichnachkinoschnapstrinkende Grüsse vom Schwarzen Berg

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